Experte gibt Sanders und Biden gleiche Chancen gegen Trump

Der Politikberater Yussi Pick sieht das Rennen um das US-Präsidentenamt als völlig offen an. Weder Bernie Sanders noch Joe Biden seien besser positioniert, um Amtsinhaber Donald Trump zu schlagen, sagte Pick am Mittwochabend bei einer Diskussionsveranstaltung in Wien. „Ich glaube, es ist relativ egal. Die Wahrscheinlichkeit von beiden, zu gewinnen oder zu verlieren, ist 50/50.“

Pick zeigte sich auch wenig überrascht vom Comeback Bidens am Super Tuesday, dem großen Vorwahltag in 14 Staaten. Wenn man es in einem größeren Zeitraum betrachtet, „ist genau das passiert, was von vornherein klar war“, sagte er bei einer Podiumsdiskussion der Österreichisch-Amerikanischen Gesellschaft (ÖAG) mit Blick auf Bidens ursprüngliche Favoritenrolle im Vorwahlkampf der Demokraten. Das „Momentum“ habe sich nun von Sanders zu Biden verlagert, weil sich das Establishment hinter den Ex-Vizepräsidenten gestellt habe.

Beide Kandidaten hätten Vor- und Nachteile, sagte der frühere Wahlkampfmitarbeiter der demokratischen Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton. Sanders spreche junge Wähler an, insbesondere deswegen, weil er als einziger Kandidat das Gesundheitssystem thematisiere. „Was er anspricht, ist ein Leid, das sehr viele Amerikanerinnen und Amerikaner spüren, die sich auf Corona testen müssen und hunderte Euro für den Test zahlen müssen.“ Sein Handicap sei, dass er sich als demokratischer Sozialist bezeichne. „Mit Sanders braucht man in Florida gar nicht antreten“, sagte Pick mit Blick auf die starke exilkubanische Bevölkerungsgruppe im Sunshine State.

Biden wiederum sei „alt“ und „anfällig“, könne aber klassische demokratische Wählerschichten ansprechen und möglicherweise die „Blue Wall“ (die langjährigen demokratischen Hochburgen im Mittleren Westen) „von Trump zurückholen“. „Er ist nicht so das Feindbild, wie es Bernie Sanders wäre“, so Pick. Er wies aber darauf hin, dass wie schon vor vier Jahren wieder enttäuschte Sanders-Unterstützer der Wahl fernbleiben könnten. Während die Demokraten eine breite Koalition bilden müssten, hätten die Republikaner Trumps den Vorteil relativ homogen zu sein. Damit könnten schon 40 Prozent der Wählerschaft zum Sieg reichen.

Die linke Senatorin Elizabeth Warren sieht Pick als mögliche „Königsmacherin“ beim demokratischen Nominierungsparteitag im Juli. Sollten bis dahin weder Biden noch Sanders eine absolute Mehrheit der Delegierten auf ihrer Seite haben, „kann sie sich aussuchen, wen sie unterstützt“. Warren könnte auch Schwächen ausgleichen, weil sie genaue Pläne zur Umsetzung der demokratischen Politik habe. Sowohl Biden als auch Sanders würden nämlich in der Umsetzung „furchtbare Präsidenten“ werden, sagte Pick.

Der PR-Berater Peter Köppl riet den Demokraten dazu, Sanders aufzustellen. Schließlich sei klar, dass Trump die Wahl gewinnen werde, verwies er auf die positiven Wirtschaftsdaten unter dem Amtsinhaber. „Wenn das Establishment der Democrats tatsächlich so hadert mit Bernie Sanders, der ihnen neue Wählerschichten gebracht hat, müssten sie ihn nach vorne schicken“, sagte Köppl. Sanders wäre wegen der Polarisierung zumindest „lästig“ für Trump.

Allgemein attestierte Köppl den Demokraten einen mangelnden „Zug zur Macht“. Einerseits sei die Partei gespalten, andererseits schwinge bei vielen demokratischen Kommentatoren das Gefühl mit, „wir gewinnen eh nicht gegen den Trump“. Das spürten auch die Wähler, die letztlich zu einem großen teil „auf der Instinktebene unterwegs“ seien.

Die amerikanische Journalistin Margaret Childs sagte, dass die „linkslinke Positionierung“ von Sanders „für viele Amerikaner, für viele Demokraten doch zu radikal“ sei. Sie führte das sich auf alte Männer reduzierende Bewerberfeld ebenso wie die Soziologin Verena Ringler darauf zurück, dass die Demokraten das Ziel eines Siegs über Trump über alles stellen. „Die Frage ist, will man dieses System Trump beenden. Da wird versucht, sämtliche Risikofaktoren auszublenden wie auch den Risikofaktor Frau“, sagte Ringler.

„Wenn Joe Biden Präsident würde, wäre dies der Traum eines jeden europäischen Diplomaten“, sagte die Europaexpertin. Biden würde nämlich zu den traditionellen Mustern der Allianz zurückkehren, etwa auch dem Pariser Klimavertrag beitreten. Sanders wäre hingegen vor allem mit dem innenpolitischen Umbau beschäftigt und wäre „überhaupt kein Weltpolitiker“. Man würde ihn im Ausland vor allem über die Handelspolitik wahrnehmen, sagte Ringler mit Blick auf die kritische Haltung des Linkspolitikers zum Freihandel.


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