Kontrastreiches Balletttrio in der Wiener Staatsoper

Wölfe im Anzug und von der Decke rieselndes Koks: Am dreiteiligen Ballettabend „Lukacs / Lidberg / Duato“ ist einiges los auf der Bühne der Staatsoper. Der scheidende Direktor des Wiener Staatsballetts, Manuel Legris, bringt mit seiner letzten Staatsopern-Premiere drei höchst unterschiedliche Werke zeitgenössischer Choreografen zur Aufführung. Vom Publikum gab es am Mittwoch dafür viel Applaus.

Den Auftakt macht Andras Lukacs‘ 2017 an der Volksoper uraufgeführtes, minimalistisches Werk „Movements to Stravinsky“. Lukacs‘ abstraktes Ballett zu Strawinskis Musik kommt ohne jegliche Handlung oder Rollen aus. Die schwarz gekleideten Tänzer heben sich deutlich vom hellgrau leuchtenden Hintergrund ab. Nichts lenkt von der „Schönheit und Harmonie der Bewegung“ ab, wie es Lukacs im Programmheft beschreibt.

Deutlich stürmischer geht es im Anschluss bei Pontus Lidbergs „Between Dogs and Wolves“ zur Musik von Dmitri Schostakowitsch zu. Das Auftragswerk für das Wiener Staatsballett, mit dem sich der 1977 in Schweden geborene Direktor des Danish Dance Theatre erstmals an der Wiener Staatsoper vorstellt, wurde am Mittwochabend uraufgeführt. Er wolle mit diesem Werk die klassische Ballettsprache feiern und mit ihr spielen, so Lidberg. Dazu gehören auch die traditionellen Geschlechterrollen: Die Tänzerinnen hüllt er in weiße Ballettröckchen, die Tänzer tragen Anzug mit Krawatte. Als Kulisse dient eine drehbare Leinwand, auf die ein animierter Wald und die Schatten der Tänzer geworfen werden.

Eine richtige Handlung gibt es auch in diesem Werk nicht, sehr wohl aber erzählerische Momente. Zu Beginn tanzen die Frauen unbeschwert durch den Wald, doch plötzlich halten sie inne: Zwischen den Bäumen streift ein Wolf umher - und verwandelt sich in einen Anzug tragenden Mann. Dann wirbelt das Ensemble wieder über die Bühne. Konnte man die „Movements to Stravinsky“ im Detail verfolgen, weiß man nun fast nicht, wohin man schauen soll. Einer der Anzugträger wirft sich eine Tänzerin über die Schulter und trägt sie davon. Die Grenzen zwischen den Geschlechtern und zwischen Mensch und Tier verschwimmen: Eine Wölfin (Rebecca Horner) erwacht, sie trägt kein Tutu, sondern Anzughose, dazu Wolfsmaske und -schwanz. Horner kriecht auf allen Vieren, richtet sich auf, tanzt, wird wieder zum Tier. Das verspielte Werk sorgte für Schmunzeln und langen Applaus im Publikum.

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Den Abschluss und gleichzeitig den Höhepunkt des Abends bildete aber Nacho Duatos „White Darkness“. In dem 2001 in Madrid uraufgeführten Werk arbeitet der spanische Choreograf den Tod seiner Schwester, die durch Drogenmissbrauch starb, auf. Das Thema behandelt Duato auf recht plakative Weise: Immer wieder rieselt weißes Pulver von der Decke, bis es am Schluss auf die zu Boden sinkende Heldin niederstürmt. Bevor es so weit ist, beeindrucken die kraftvollen, ausdrucksstarken Bewegungen der barfüßigen Tänzer. Fesselnde Sequenzen, in denen das Ensemble wie im Drogenrausch immer wilder tanzt, wechseln sich ab mit Pas de deux zur melancholischen Musik von Karl Jenkins. Choreograf und Tänzer wurden vom Premierenpublikum dafür mit dem lautesten Applaus des Abends und „Bravo“-Rufen gewürdigt.

Die Pausen zwischen den Stücken können Vorstellungsbesucher übrigens damit verbringen, ausgewählte Tanzmomente genauer zu betrachten: Bis Mai wird im Balkonumgang der Staatsoper die Fotoausstellung „9 Selected Moments“ von Gabriele Schacherl zu sehen sein. Die Fotos, die Tänzerinnen und Tänzer des Wiener Staatsballetts zeigen, entstanden backstage während Vorstellungen und Proben. Die Ausstellung wird am 8. März um 18.00 Uhr eröffnet.

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