„Ganymed in Power“ zeigt Szenen über die scheinbar Schwachen

Nachts im Museum. Im Kunsthistorischen Museum Wien (KHM) bedeutet das seit 2010 vor allem: flanieren, entdecken, staunen. Gestern, Mittwoch, war es wieder soweit. Bei feierlichen Trompetentönen schritt ein 30-köpfiges Künstlerensemble in der ersten Station von „Ganymed in Power“ die breiten Treppen der Eingangshalle empor. Das Publikum folgte, mit Klapphockern ausgestattet, gemächlich nach.

In der von Jacqueline Kornmüller inszenierten siebenten Auflage des Wandertheaters im KHM geht es diesmal um Macht, aber nicht um die Mächtigen. Protagonisten der eigens für das Projekt verfassten Theater- und Musikstücke zu einzelnen Gemälden sind diesmal u.a. die Kaiserin Maria Theresia, ein getöteter Drache und viele, viele Kinder.

Zwölf kurzweilige Stationen warten bei „Ganymed in Power“ auf die Besucher. Immer wieder hört man von irgendwo Applaus, aus dem Nebenraum zerreißt eine Violine die gebannte Atmosphäre, in einem Saal werden Zuschauer zum Tanz aufgefordert. Durch die gläserne Decke kann man ausmachen, dass es Nacht ist draußen, und die Stimmung ist eine Mischung aus prickelnder Aufregung und eingeschworener Vertrautheit, wenn man in Kleingruppen drei Stunden lang durch die Hallen des Museums wandert.

Vor einem Gemälde Maria Theresias erzählt Gerti Drassl im Monolog „Die zwei Körper der Kaiserin“ der Philosophin Isolde Charim von den Ungerechtigkeiten, mit denen man sich als weibliche Herrscherin unter Männern herumschlagen muss, wird man doch an anderen Maßstäben als die männlichen Kollegen gemessen.

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Auffallend häufig kommen in den Auftragswerken von sechs zeitgenössischen Autoren (darunter Milena Michiko Flasar, Franz Schuh und der isländische Autor Mikael Torfason) und sechs Komponisten verschiedene Kinderfiguren der Gemälde zu Wort. Die Strottern singen in gewohnt fideler Art mit „Wia I Tua“ ein Lied über die Selbstermächtigung des kecken Kindes vom Schoße seiner Mutter, performt vor Peruginos Kunstwerk „Maria mit Kind“.

Das Format „Ganymed“, bei dem eigens verfasste Texte und Kompositionen zeitgenössischer Künstler zu Werken der Gemäldegalerie des KHM vor Ort aufgeführt werden, hat in Wien schon Tradition. Erstmals 2010 unter dem Titel „Ganymed Boarding“ aufgeführt, wurde das Spiel in den vergangenen Jahren auch ins Ausland exportiert, wie etwa 2013/14 „Ganymed Goes Europe“ nach Wroclaw und Budapest sowie 2018 die Brüssel-Auflage „Ganymed Goes Brussels“. Kornmüllers Theater im Museum erfreut sich großer Beliebtheit, erste Vorstellungen von „Ganymed in Power“ sind bereits ausverkauft.

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