„Am Königsweg“ im K2: Kasperltheater im Kuckuckskratzer

Überfordert in die richtige Richtung: Elfriede Jelineks „Am Königsweg“ im K2 des Tiroler Landestheaters.

Eine Witzfigur unter Witzfiguren: Der König (Jan Schreiber) kommt – und reiht sich ein (im Hintergrund von links: Tom Hospes, Jan-Hinnerk Arnke und Antje Weiser).
© TLT/Larl

Innsbruck – Vor ziemlich genau dreieinhalb Jahren, in jener Nacht, als die Vereinigten Staaten ihren 45. Präsidenten wählten, begann Elfriede Jelinek damit, ihrer Sprachlosigkeit Worte abzutrotzen. Viele Worte. Gut 140 Druckseiten ist „Am Königsweg“ lang. Ein Theaterstück will der Text sein. Als solches wurde ihm die Krone aufgesetzt. 2018 erklärten es Experten zum Stück des Jahres.

Trotzdem: Ein Stück wird „Am Königsweg“ erst, wenn man es dazu macht. Wenn man zurechtstutzt, manches ausweidet, anderes streicht, wenn man sich durch Jelineks Assoziationsketten pflügt, die Wortspiele spielbar macht, Stimmen zuweist, Figuren herausschält – und die auf eine Bühne stellt.

Oder eben samt Zuschauern in eine Schachtel steckt. So verfährt das Tiroler Landestheater seit geraumer Zeit mit Jelineks dem Weltgeschehen mit glühheißer Nadel hinterhergeschriebenen Arbeiten. Nach „Prinzessinnendramen“ (2014) und „Die Schutzbefohlenen“ (2017) wird auch „Am Königsweg“ im K2 gespielt, der Kleinstbühne des Hauses. Mit der Regie wurde erneut Elke Hartmann betraut, die man mittlerweile als Expertin für diese inzwischen etablierte Form der dramatischen Quarantäne bezeichnen darf: Sperriges soll zwar den Spielplan schmücken, anstecken möchte man das große Publikum aber keinesfalls. Das ist schade. Zumal es auch diesmal auf engstem Raum viel zu sehen gibt.

Wenige Monate vor der nicht gerade unwahrscheinlichen Wiederwahl des „Bürgerkings“ hat Hartmann den Fokus des Stücks verschoben. Es ist nicht mehr die Fassungslosigkeit über den namentlich nie genannten Präsidenten in seinem goldgekachelten Wolkenkuckuckskratzer, die im Zentrum steht, sondern die selbstmitleidige Ratlosigkeit seiner Königsmacher: Kasperl ist König. Und die, die ihn und seine Anhänger nicht ernst nehmen wollten, haben sich im Irrsinn eingerichtet, indem sie die vermeintliche Ausnahme zur neuen Regel adelten, zum neuen Naturgesetz.

Dabei ist der Kasperlkönig Symptom, nicht Krankheit. Die Krankheit ist älter – und sie breitet sich aus, bricht sich Bahn: alte und neue Nationalismen, wohin man schaut; von Fakten befreite und kontrollierte Messages, wohin man hört. Via Video haben einstige und heutige Einpeitscher – von Berlusconi über Orbán bis zu Kurz und Kickl hoch zu Ross – Gastauftritte. Es wird gebrüllt und getänzelt, getrickst, gemault und gemotzt. Jeder weiß alles besser – und zieht sich wortreich aus der Verantwortung. Haltungen sind Posen. Meinungen lassen sich wechseln. So wie die Kostüme, die Antje Weiser, Jan-Hinnerk Arnke und Tom Hospes – als um keinen Kalauer verlegenes „Wir“ – immer wieder austauschen. Ausstatterin Alexia Engl hat allerlei modische Grausamkeiten aus dem Landestheaterfundus gekramt. Irgendwann stößt einer, der vielleicht König ist (Jan Schreiber), zur Truppe – und reiht sich ein. Eine Witzfigur unter Witzfiguren, berauscht von der eigenen Bedeutung. Verblödelt wird die Inszenierung durch ihren Mut zum konsequent schlechten Geschmack nicht. Hier wird selbstgefällige Wichtigtuerei ausgestellt. Das strengt an. Das macht wütend. Und schwindlig. Vor allem aber überfordert es. Aber vielleicht ist das Eingeständnis der eigenen Überforderung ja ein erster Schritt in die richtige Richtung. (jole)


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