Neuer Roman von Erika Wimmer Mazohl: Im besten Sinne sinnlich

In „Löwin auf einem Bein“ reißt die Wirklichkeit eine bildungsbürgerlich verschwiegene Familie aus ihren Gedanken.

Erika Wimmer Mazohl stellt ihren neuen Roman „Löwin auf einem Bein“ heute in Innsbruck vor.
© Andreas Rottensteiner

Innsbruck – Das schöne Wort „Stauden“ findet sich schon im zweiten Satz von Erika Wimmer Mazohls neuem Roman „Löwin auf einem Bein“. Nicht Büsche, Gebüsch oder Gestrüpp, sondern selbstbewusst sperrige Stauden sind es, die hier den Straßenrand säumen. Und in diesem Ton geht es weiter. „Löwin auf einem Bein“ ist ein im besten Sinne sinnliches Buch: Man glaubt, alles tatsächlich begreifen, die zahlreichen aufgetischten Mahlzeiten schmecken, die Regentropfen, die die Figuren immer wieder aus ihren Gedanken reißen, spüren zu können.

Und nachgedacht wird viel in dem Roman, sinniert, reflektiert. Er handelt – etwas zugespitzt gesagt – von einer Familie, die wenig miteinander redet. Die Mutter, Ariane, ist Archäologin, Expertin für etruskische Kunst; der Vater, Vittorio, ist Journalist, einer, der aneckt, den Filz im italienischen Politestablishment anprangert – und die Hoffnung doch schon lange aufgegeben hat. Die Beziehung zur gemeinsamen Tochter, Katja, ist schwierig. Die Eltern sorgen sich, ohne wirklich Worte dafür zu finden. Dass sich Katja zunehmend politisch engagiert, macht die Sache nicht einfacher. Der Verdacht, dass sie sich radikalisiert haben könnte, erhärtet sich. Ein Freund verschwindet. Ist er tatsächlich ertrunken? Oder untergetaucht? War er Hintermann eines Attentats? Auch Katja büxt aus. Die Mutter macht sich auf die Suche. Landet am Dach der Welt – und in der eigenen, lange Jahre verschwiegenen Vergangenheit.

Der Zug ins Wendungsreich-Kolportagehafte tut „Löwin auf einem Bein“ gut. Und die enge Bindung der Erzählung an die unmittelbare Gegenwart auch: Am Brenner wird gegen die Schließung der Grenze protestiert, in Wien über den Verlust des Kulturerbes in Palmyra diskutiert – und auch im Kleinklein, einer nur dem Anschein nach saturierten Bildungsbürgerfamilie, steht viel auf dem Spiel. (jole)

Roman & Lesung

Erika Wimmer Mazohl: Löwin auf einem Bein. Limbus, 318 Seiten, 22 Euro.

Lesung. Heute, Mittwoch, 11.3., im Liber Wiederin, Innsbruck. Musik: Julia Costa. Beginn: 19 Uhr.

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