Teheran: „Es sind einfach schon zu viele gestorben“

Im Iran explodiert die Zahl der Corona-Infizierten. Den Menschen steht ein trauriges Neujahrsfest bevor.

Manutchehr Ahmad Haschemi 
(pensionierter Volkswirt) und seine Frau Fariba: „Wir haben uns freiwillig in Quarantäne begeben, denn Teheran ist eine gefährliche Stadt geworden.“
© Haschemi

Von Gabriele Starck

Teheran –Ihr Zuhause verlassen Manutchehr Haschemi und seine Frau Fariba seit 20 Tagen nur ganz selten. „Wir haben uns freiwillig in Quarantäne begeben, denn Teheran ist eine gefährliche Stadt geworden“, erzählt der pensionierte Volkswirt am Telefon. Gefährlich, weil das neue Coronavirurs den Iran so schwer getroffen hat wie nur wenige Staaten bislang. Die Zahl der Infizierten sei in nur einem Tag um fast 1000 auf mehr als 9000 und jene der Toten auf 354 gestiegen, meldeten die Behörden gestern. Viele vermuten, dass die tatsächlichen Zahlen noch weitaus höher liegen.

Die Regierung wünsche zwar, dass die Menschen daheim bleiben, doch vielfach sei das einfach nicht möglich, berichtet Haschemi: „Sie müssen arbeiten und für den Weg Busse und Metro nutzen. Es können ja nicht alle Geschäfte zusperren.“ Da die US-Sanktionen Exporte verhinderten, fehle es zwar nicht an frischen Produkten. Sie einzukaufen, sei aber ein Spießrutenlauf. „Man sollte nichts anfassen, nicht einmal den Knopf im Aufzug drücken“, sagt der ehemalige Universitätslehrer, der einst in Innsbruck promoviert hat. „Ich stand damals sogar in der Tiroler Tageszeitung“, erzählt er in immer noch sehr gutem Deutsch.

Risiko will der rüstige Pensionist jedenfalls keines eingehen. So tragen Haschemi und seine Frau Handschuhe, wenn sie die Wohnung für einen Einkauf doch einmal verlassen müssen und ziehen sie erst wieder aus, wenn sie die Verpackungen entsorgt und dann noch alles, was damit in Berührung kam, mit Seife gewaschen und mit 70-prozentigem Alkohol besprüht haben. Es seien einfach schon zu viele gestorben, auch Ärzte und Pflegepersonal, sagt er. Im Iran fehlt es an Medikamenten und Medizinprodukten, da die Sanktionen deren Beschaffung im Ausland erschweren. Doch Haschemi macht auch das politische Durcheinander und die Unbekümmertheit im Land für die katastrophale Virusverbreitung verantwortlich.

Nicht heben dürfte die ohne­hin angespannte Stimmung im Iran, dass die Neujahrsfeiern um den 20. März großteils dem Virus zum Opfer fallen werden. Nouruz ist viele Tausende Jahre alt und in der persischen Welt mit seinen vielen Ritualen so wichtig wie Weihnachten in Europa. Doch heuer gibt es kein geselliges Zusammensein an Lagerfeuern und selbst die Ansprache des geistlichen Führers Ayatollah Kahmenei ist abgesagt.

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