Thomas Piketty: „Krise zeigt den Regierungen ihre Macht“

Der französische Ökonom Thomas Piketty schreibt über den Zusammenhang zwischen politischem Regime und Ungleichheit.

War auf Einladung der Arbeiterkammer in Wien, um sein neues Buch vorzustellen: der französische Ökonom Thomas Piketty.
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Wien –Der französische Ökonom Thomas Piketty kann sich vorstellen, dass das verstärkte Homeoffice und die Umsetzung drastischer Eingriffe in die Wirtschaft im Rahmen der Corona-Krise zu einer Bewusstseinsänderung führen könnten. Die Krise führe Regierungen vor Augen, wie sehr sie die Wirtschaft regulieren können, so Piketty am Freitag bei der Vorstellung seines Buches in Wien. Den Arbeitenden werde bewusst, dass Homeoffice funktioniert.

Vor ein paar Monaten, als es darum ging, Flüge zu reduzieren und den CO2-Ausstoß abzubauen, hätten das viele unter Verweis auf die ökonomischen Kosten ausgeschlossen. „Und jetzt, ganz plötzlich, wegen einer Gesundheitskrise, blockieren wir Flüge und schicken Leute nach Hause“, sagte Piketty, der auf Einladung der Arbeiterkammer nach Wien gekommen war. Das zeige, dass Europa ein ausgefeiltes System im Umgang mit Gesundheitsrisiken habe, aber keine vergleichbaren Entscheidungsstrukturen bei langfristigen Risiken wie Umweltproblemen.

Der Ökonom wurde 2014 mit dem Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ bekannt, sein neues Werk trägt den Titel „Kapital und Ideologie“. Piketty hat für sein erstes Buch große Datenmengen zur wirtschaftlichen Ungleichheit in der Gesellschaft zusammengetragen. Nun wolle er den Zusammenhang zur Regierungsform aufarbeiten. Klar sei, dass jede Gesellschaft eine Ideologie brauche, eine Rechtfertigung für ihre Organisationsform und die damit verbundene Ungleichheit, so Piketty. Aber die Herrschenden würden den Vorteil, den sie der Gesellschaft bringen, übertreiben, um ihre Privilegien zu rechtfertigen.

Grundsätzlich bemängelt Piketty, dass heutzutage kaum mehr über Alternativen zum marktwirtschaftlichen Kapitalismus nachgedacht werde. Dabei sei die Geschichte eine Abfolge von oft radikalen Veränderungen im Wirtschaftssystem und diese würden nicht nur durch Kriege ausgelöst, wie Schwedens Wandel von einem Land mit sehr großer Ungleichheit Anfang des 20. Jahrhunderts zur heutigen relativ ausgeglichenen Gesellschaft zeige.

Piketty, der sein Werk als „optimistisches Buch“ bezeichnete, zeige es doch einen Trend zu weniger Ungleichheit auf, hat selbst durchaus ungewöhnliche Vorschläge, um die Ungleichheit zu reduzieren. Ihm geht es an erster Stelle um die Vermögensverteilung, noch vor den Einkommen. So rechnet er vor, dass es mit einem Zehntel der Steuereinnahmen oder fünf Prozent der Wirtschaftsleistung möglich wäre, jedem Bürger und jeder Bürgerin zum 25. Geburtstag einmalig 120.000 Euro als Startvermögen zu überweisen. Das würde die Chancengleichheit erhöhen, ohne zu einer Gleichmacherei zu führen, erben doch die Kinder reicher Eltern noch deutlich mehr. Piketty ist auch für progressive Erbschaftssteuern, die bis zu 90 Prozent gehen könnten. Zugleich ist es für ihn zentral, dass es freie Bildung, Gesundheitssysteme, Pensionen und ein Basiseinkommen für alle gibt. Und er fordert auch eine starke Beteiligung der Mitarbeiter an Entscheidungen in Unternehmen. Erzwinge man eine gleichere Gesellschaft über sehr hohe Spitzensteuersätze, so führe das zu mehr Wachstum und Wohlstand, sagt Piketty unter Verweis auf die Entwicklung der USA bis zu Reformen von Präsident Ronald Reagan in den 1980er-Jahren. „Eine riesige Ungleichheit ist nicht nötig. Wir können mehr Wohlstand und mehr Gleichheit gleichzeitig haben.“ Die völlige Gleichheit aller hält Piketty aber nicht für erstrebenswert. Es gelte auch die Diversität der Menschen zu erhalten. (TT, APA)


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