Ausgangsbeschränkung: Eine Stadt zwischen Stille und Betriebsamkeit

Tag eins der Ausgangsbeschränkung: Tirols Landeshauptstadt präsentiert sich einerseits wie ausgestorben und andererseits weiterhin belebt. Konkretisiert wurden indes die Verhaltensregeln.

Ein wohl einzigartiges Fotomotiv: eine menschenleere Altstadt bei strahlendem Sonnenschein und blitzblauem Himmel. Weder in den Seitengassen noch vor dem Goldenen Dachl befinden sich am Montag Touristen. Die Kaffeehäuser, Gastgärten, Souvenirläden und Geschäfte sind geschlossen.
© Foto Rudy De Moor

Innsbruck – Eine befremdliche Stille liegt über der Innsbrucker Altstadt. Nur ein paar Tauben tummeln sich am Platz vor dem Goldenen Dachl. Gespenstische Leere herrscht am Montagnachmittag dort, wo sich üblicherweise unzählige Touristen und Einheimische durch die Gassen schieben, Fotos gemacht werden und Kellner mit Tabletts zwischen den vollbesetzten Tischen der Gastgärten tänzeln. Nur vereinzelt kommen Menschen daher. Schnellen Schrittes durchqueren sie die historische Altstadt. Ums Eck am Domplatz ist nur eines zu hören: das Zwitschern der Vögel. Das klingt regelrecht laut inmitten der Stille. Frühlingserwachen in Zeiten von Corona.

Weder in den Seitengassen noch vor dem Goldenen Dachl befinden sich am Montag Touristen.
© Foto Rudy De Moor

Ein paar Meter weiter bietet sich ein anderes Bild. In der Museumstraße, Drehscheibe für den öffentlichen Verkehr, Busse und Straßenbahnen halten hintereinander, Menschen steigen ein und aus. Es sind eindeutig weniger als sonst an einem Werktag. In den Supermärkten stehen die Menschen dicht an dicht an der Kasse. Die Stimmung ist gelassen, die Einkaufswägen nicht übervoll, manche holen nur eine Jause. Die Zeit der Hamsterkäufe scheint hier überstanden zu sein. Nur beim Klopapier ist die Auswahl kleiner als sonst.

In der Maria-Theresien-Straße sitzen ein paar Leute auf den Bänken und am Brunnen. Die Polizei fährt im Schritttempo durch Innsbrucks Prachtstraße. Drei Mädels, die am Brunnen zusammensitzen, nehmen sofort Reißaus, als sie das Polizeiauto noch in einiger Entfernung sehen. Die Beamten halten schließlich vor einer dreiköpfigen Gruppe von Touristen, die nebeneinandersitzen. Die Koffer neben sich abgestellt, schauen sie in die Sonne.

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Die Polizisten informieren die drei über die aktuelle Lage und darüber, was sie nun tun dürfen und was nicht. „Ihr habt sehr freundliche Polizisten“, sagen die Russen, die aus Mayrhofen abgereist sind und in Innsbruck auf ihren Rückflug nach Moskau warten. Drei Tage müssen sie hier ausharren. „Aber wenigstens scheint die Sonne“, sagt einer von ihnen entspannt.

Bedacht fährt die Polizeistreife ununterbrochen durch die Straßen. Die Beamten halten bei allen, die offenkundig nicht arbeiten oder ihrer Wege nachgehen. Geduldig informieren sie die Menschen über die geltenden Verhaltensregeln. „Wir möchten nicht strafen. Wir setzen auf Bewusstseinsbildung“, erklärt ein Polizist.

Ein Verdachtsfall wird durch die Bahnhofshalle gebracht.
© Wolfgang Alberty

„Tiroler Weg mitgehen“

Wie in Tirol die Verordnungen zu den verkehrsbeschränkenden Maßnahmen angewendet, kontrolliert und sanktioniert werden, darüber herrschte am Sonntag noch Unklarheit. Gestern konkretisierte LH Günther Platter die Maßnahmen und die Spielräume: „Dass der Bund eine gemeinsame Vorgangsweise vorgibt, ist sinnvoll. Sie ist nach unserem Vorbild und bis auf einen Punkt ident: Das Spazierengehen alleine oder mit Menschen aus dem eigenen Haushalt wird erlaubt. Das muss auch aus Tiroler Sicht akzeptiert werden. Ich appelliere aber an die Tiroler Bevölkerung, unseren Tiroler Weg freiwillig mitzugehen und das Haus nicht zu verlassen.“ So sei es etwa ganz wichtig, dass niemand zur Skitour oder zum Wandern auf den Berg geht. „In der aktuellen Situation wäre es alles andere als optimal, wenn die Einsatzkräfte bei Einsätzen am Berg gebunden wären und dadurch nicht für dringend benötigte Einsätze zur Bekämpfung des Coronavirus zur Verfügung stehen könnten“, betont Platter.

Die Polizei informiert drei russische Touristen in der Maria-Theresien-Straße über die Ausgangsbeschränkung.
© Foto Rudy De Moor

Eine Bitte, an die sich gestern nicht alle halten. Am Patscherkofel zählt ein Mitarbeiter, der dabei ist, die Schneekanonen abzubauen und zu verstauen, 40 Tourengeher. Bis Mittag. Auch auf der Muttereralm sind einige unterwegs. Die Seilbahnchefs können darüber nur den Kopf schütteln.

Am Bau geht die Arbeit weiter.
© Foto Rudy De Moor

Hintergrund der verkehrsbeschränkenden Maßnahmen für die Bevölkerung bilden mittlerweile drei Verordnungen. Jene des Bundes stützt sich rechtlich auf das neu erlassene Covid-19- Maßnahmengesetz. Die res­triktiver verfassten Verordnungen von Land Tirol und Stadt Innsbruck (triftige Gründe zum Verlassen des Wohnsitzes) fußen auf dem Epidemiegesetz, welches als zuständige Vollzugsbehörde das Land Tirol und dessen jeweilige Bezirksverwaltungsbehörden vorsieht. Laut führenden Verwaltungsjuristen haben nun alle Verordnungen nebeneinander Bestand. Im Vollzug würden für Tirol letztlich die spezifischen, heimischen Verordnungen gelten. Dies muss jedoch nicht bedeuten, dass die Exekutive sofort strafen muss. Sie kann Spaziergänger mit Sozialkontakten vorab auch erst belehren und ermahnen. Einzig unverbesserliche Wiederholungstäter oder die Teilnehmer von Partys müssen derzeit wohl mit Verwaltungsstrafen durch die Polizei rechnen.

Gestern Montag hat sich eine eigenartige Ruhe über Tirols Landeshauptstadt gelegt. Still steht sie aber nicht. (dd, np, fell)

Polizei erhielt erste Anzeigen wegen Aufenthalts im Freien

Wie lange darf ich mit dem Hund raus? Darf ich die Frau zur Arbeit fahren? Das sind nur einige der Fragen, mit denen die Polizisten der Landesleitzentrale derzeit konfrontiert sind. Vor allem seit der Ausgangssperre „haben die ‚darf ich‘-Anrufe deutlich zugenommen“, sagt Enrico Leitgeb, Chef der Leitzentrale. Seit Sonntag gehen auch die ersten Anzeigen wegen vorschriftswidriger Zusammenkünfte im Freien in der Kommunikationszentrale der Tiroler Polizei ein. „Wir haben jedenfalls reagiert und mehr Mitarbeiter im Einsatz, die die Anrufe entgegennehmen“, so Leitgeb weiter. Etwa 100 Telefonate pro Stunde sind derzeit keine Seltenheit. Die teils langen Wartezeiten bei anderen Hotlines spielen ebenfalls eine Rolle – die Ungeduldigen versuchen’s dann eben bei der Polizei. In den Nachtstunden ist es hingegen für die Polizisten in der Leitzentrale deutlich ruhiger als vor der Verhängung der Corona-Maßnahmen. (tom)


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