Corona trifft Tirols Wirtschaft: Bänder laufen, Bau „hängt in der Luft“

Die Industrie produziert zu 80%. Der Bau arbeitet, beklagt aber fehlende Regeln. Der Tourismus und der Handel sind am Boden: Appell an Kunden.

Die Baubranche fordert klare Regelungen für die Betriebe.
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Von Max Strozzi

Innsbruck – Die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie trifft Tirols Wirtschaft mit voller Wucht, aber nicht alles steht still. Ein Überblick der größten Branchen:

Bau: Der Bau darf im Grunde arbeiten, aber: „Wir hängen in der Luft“, sagt Tirols Bauinnungsmeister Anton Rieder. Während im Tourismus (Schließungen) oder im Handel (Kundenverbot mit expliziten Ausnahmen) klare Regeln ausgegeben wurden, vermisse die Baubranche solche deutlichen Vorgaben. Baufirmen und ihren Mitarbeitern werde die Entscheidung überlassen, ob und wie sie weitermachen. „Daraus ergeben sich auch vertragsrechtliche Probleme“, so Rieder. Bauherren können beispielsweise weiterhin Pönale fordern, wenn Fertigstellungsfristen nicht eingehalten werden können. „Es ist eine Gratwanderung zwischen Mitarbeiterschutz und der Aufrechterhaltung des Fortbetriebs, um nicht in ein totales Fiasko zu schlittern“, sagt Rieder: „Wir müssen arbeiten, fühlen uns aber alle nicht gut dabei.“ Derzeit sei man gemeinsam mit den Sozialpartnern dabei, konkrete Regeln aufzustellen. Zu dieser Problematik komme hinzu, dass viele Subunternehmer aus dem Ausland den Reisebeschränkungen unterliegen. Baufirmen berichten gegenüber der TT zudem von Materialknappheit, etwa beim Baustahl, und machen aufmerksam, dass auf Baustellen oft mehrere Firmen gleichzeitig werken und oft saubere Sanitäranlagen fehlen. Damit sei es schwierig, die hygienischen Maßnahmen einzuhalten.

Industrie: In den 450 Tiroler Industriebetrieben mit 41.000 Mitarbeitern laufen die Bänder großteils. Die Industrie produziere noch zu rund 80 Prozent, schildert Oswald Wolkenstein, Geschäftsführer der Sparte Industrie in der Wirtschaftskammer Tirol. „Wir versuchen, das Land oben zu lassen“, so Wolkenstein: „Wir sind abhängig von offenen Verkehrswegen, und noch funktioniert es. Großer Dank an die Logistik.“ Probleme gebe es bei den Lieferketten, dabei gebe es aber auch je nach Ware große Unterschiede. Die Industriebetriebe hätten nicht nur hohe Hygienemaßnahmen umgesetzt, sondern beispielsweise Produktionslinien strikt voneinander getrennt, damit im Fall einer Infektion nicht alle Produktionslinien lahmliegen, erklärt Wolkenstein. „In Zeiten der Ausgangssperre hat sich außerdem gezeigt, dass die Leute froh sind, zur Arbeit zu gehen, weil vielen sonst die Decke auf den Kopf fällt.“

Handel, Gastgewerbe, Tourismus: Tirols Einzelhandel (34.000 Mitarbeiter) und Tourismus (55.000) zählen zu den am stärksten von den Regierungsmaßnahmen getroffenen Branchen. Im Handel gebe es noch viele offene Fragen. „Wie es mit den Beschäftigten weitergeht, ist über das Kurzarbeits-Modell geregelt. Noch nicht geregelt ist etwa, wie mit Mietzahlungen, Lieferantenrechnungen und Umsatzausfällen umgegangen wird“, sagt Tirols Handelsobmann Martin Wetscher. „Es wird weitere Hilfspakete brauchen.“ Er appelliert, jetzt nicht übers Internet im Ausland einzukaufen, sondern abzuwarten. „Sonst ist das der Todesstoß für den Tiroler Handel.“ Tirolweit dürfte die Schließung eines Großteils der Handelsgeschäfte pro Woche rund 100 Mio. Euro Umsatz kosten.

Auch der Ausfall im Tourismus ist gewaltig: Bis Ostern rechnet Tirols Tourismus-Obmann Franz Hörl wegen der Schließung der Skigebiete und aller Hotels mit Verlusten von wöchentlich 150 bis 200 Millionen Euro.


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