Gegen Wegwerfgesellschaft: Neues Leben für alte Handys

Vom Dampfbügeleisen bis zum Smartphone: Das Geschäft mit rundumerneuerten Gebrauchtgeräten als Gegenbewegung zur Wegwerfgesellschaft legt kräftig zu.

Oft zu schade für den Sperrmüll: Gebrauchte und funktionstüchtige Smartphones bekommen immer öfter ein zweites Leben.
© iStock Editorial

Von Beate Troger

Innsbruck — Es passiert so schnell. Das Handy fällt hinunter, das Display zerspringt, das Telefon bleibt stumm. Weltweit fallen knapp 50 Millionen Tonnen Elektroschrott an, allein in Österreich sind es laut Global 2000 etwa 83.000 Tonnen. Doch was tun mit den nicht mehr einsatzfähigen Geräten, sei es ein Handy oder ein Haushaltsgerät?

Ein kaputtes Smartphone hat das Leben von Peter Windischhofer komplett auf den Kopf gestellt. Weil sich in der Folge das gebrauchte Handy von der Secondhand-Plattform zum Schnäppchenpreis als Katze im Sack entpuppte, stand der damals 27-jährige Oberösterreicher erneut ohne Handy da. Dafür aber mit einer Geschäftsidee.

Zusammen mit seinem Studienfreund Kilian Kaminski und einem weiteren Kollegen gründete er vor genau drei Jahren den Online-Shop Refurbed. Dort verkauft das junge Trio gebrauchte, aber rundumerneuerte elektronische Geräte. Von der Mikrowelle bis zum Laptop, vom Bügeleisen bis zum Smartphone. „Refurbished" nennt man die aufpolierten Geräte im Fachjargon, daraus entstand der Firmenname.

Millionen Handys in der Schublade

Rund 100 Millionen alte Handys verstauben laut Schätzungen von Konsumentenschutzorganisationen in Deutschland in den Schubladen. Demnach könnten es in Österreich an die zehn Millionen Geräte sein.

Das Problem: Darin lagern sowohl wertvolle Rohstoffe, die recyclet werden sollten, als auch giftige Problemstoffe, die fachgerecht entsorgt werden müssten, wie Arsen, Blei, Nickel oder Quecksilber.

Rund 2,5 Millionen neue Handys kaufen die Österreicher jedes Jahr. Darin stecken etwa 70 kg Gold, 700 kg Silber und ca. 40 Tonnen Kupfer. Nur jedes dritte Handy wird zur Wertstoffsammlung gebracht.

Geplante Obsoleszenz: Konsumentenschützern zufolge sind vor allem Smartphones bewusst kurzlebig konstruiert. Die Lebensdauer eines Akkus beträgt maximal zwei Jahre. Die Hersteller würden nicht kommunizieren, dass bei vielen Modellen Akkus leicht getauscht werden könnten. Seit Smartphones immer teurer geworden sind, kletterte die durchschnittliche Nutzungsdauer aber von 1,5 auf 2,7 Jahre.

Handypfand: Die deutschen Grünen fordern beim Smartphone-Kauf Pfand in Höhe von 25 Euro.

Das Recht auf Reparatur soll laut EU-Kommission künftig gesetzlich verankert werden.

Die Mission ist klar: „Wir wollen der Wegwerfgesellschaft ein neues Geschäftsmodell entgegensetzen", erklärt Windischhofer.

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Das junge Trio hatte den richtigen Riecher für den Trend in Sachen Nachhaltigkeit. Denn der Boom der aufpolierten Geräte ist nicht mehr aufzuhalten. 200.000 Stück hat das junge Unternehmen schon verkauft. „Die Nachfrage der Konsumenten ist riesig", sagt Windischhofer, „wir suchen in ganz Europa nach Geräten."

„Meistens kann man es richten."

Einer, der in Tirol gebrauchte und kaputte Handys repariert, ist der Langkampfner René Holzer. Angefangen hat sein Hobby auch mit einem kaputten Telefon.

Holzer räumt ein, dass die großen Hersteller den Konsumenten sehr wohl suggerieren würden, dass ein kaputtes Handy ein Fall für den Sondermüll sei. Seine Erfahrung ist klar: „Meistens kann man es richten." Zerbrochene Displays oder kaputte Akkus seien die Klassiker, berichtet er. „Wenn man einmal das kleine Werkzeug hat, kommt man mit fast allen Geräten klar." Die Anleitungen holt er sich überwiegend aus dem Internet über Youtube-Videos, „viel lernt man auch einfach übers Ausprobieren".

Besser machen als Amazon

Bastler wie René Holzer sind aber nicht die Partner von Refurbed. „Wie beziehen unsere Geräte von großen Firmen, die sich auf den Handel und das Wiederaufbereiten von Gebrauchtgeräten spezialisiert haben", erklärt Refurbed-Boss Windischhofer. Die Geräte sind oft Ausstellungsstücke oder stammen aus großen Konzernen, die etwa ihre gesamten Firmenhandys austauschen. Co-Gründer Kilian Kaminsky, der Unikollege aus Hamburg, kennt das Geschäft mit den reparierten Gebrauchtgeräten wie kein Zweiter. Bei keinem Geringeren als beim E-Commerce-Riesen Amazon hat er die Refurbished-Sparte in Deutschland aufgebaut. „Amazon verdient an den erneuerten Geräten viel weniger und hat diese Produkte daher nur stiefmütterlich vertrieben", erklärt Peter Windischhofer. Also setzten sich die hochmotivierten Gründer ein noch höheres Ziel: Sie wollten es besser machen als Amazon.

Und das ist gelungen. Allein im Vorjahr hat das Trio den Umsatz auf 40 Millionen Euro verfünffacht. Das internationale Wirtschaftsmagazin Forbes nahm die drei Jungunternehmer 2019 in seine Liste der „Besten 30 unter 30" auf.

Auch der Kunde profitiert. Denn die aufpolierten Geräte sind um bis zu 40 Prozent günstiger, der CO2-Verbrauch um 7 Prozent niedriger.


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