Tirols Industrie in der Klemme, Baubranche für klare Regelung

Swarovski stellt auf Notbetrieb um, Industrie bittet um Verständnis für Produktion. Große Virus-Sorgen bei Beschäftigten. LH Platter lässt alle Landesbaustellen schließen, Baubranche will rechtliche Klarheit.

Swarovski fährt in Wattens wegen Corona die Produktion bis Donnerstag herunter. Auch Swarovski Optik stellt auf Notbetrieb um.
© Foto TT/Rudy De Moor

Von Max Strozzi und Manfred Mitterwachauer

Wattens, Innsbruck –Der Kristallkonzern Swarovski stellt angesichts der Corona-Krise am Stammsitz in Wattens auf Notbetrieb um. „In Anbetracht der Entwicklungen rund um Covid-19 und um die Gesundheit und das Wohlbefinden von Mitarbeitern, Kunden und Geschäftspartnern und deren Familien zu gewährleisten, hat die Swarovski-Geschäftsführung beschlossen, für mindestens zwei Wochen in Wattens auf Notbetrieb umzustellen“, teilte Swarovski mit. „Die Kristallproduktion in Wattens wird ab sofort schrittweise bis Donnerstagabend, 19.3.2020, hinuntergefahren, um in Anbetracht der Größe der Produktion die nötigen Vorkehrungen geordnet treffen zu können.“ Danach werde die Situation neu bewertet. Die Möglichkeit zum Home-Office für jene, bei denen es Sinn macht, bleibe bis auf Weiteres bestehen.

Vorgestern hatte die Swarovski-Geschäftsführung die Mitarbeiter schriftlich über den ersten Corona-Fall im Werk informiert. Demnach war der positiv getestete Mitarbeiter zuletzt am 9. März an seinem Arbeitsplatz. Wer mit dem Mitarbeiter in Kontakt war, sei angehalten worden, sich 14 Tage in Quarantäne zu begeben.

Auch Swarovski Optik kündigte an, am Sitz in Absam mindestens zwei Wochen lang auf Notbetrieb umzustellen. Die Produktion bleibe ab 18. März, beginnend mit der ersten Frühschicht, geschlossen. Notwendige Arbeiten in kritischen Bereichen würden mit einer Minimalbesetzung bis Mitte nächster Woche finalisiert. Auch Liebherr in Lienz hatte angekündigt, die Produktion einzuschränken.

Die Sorge vor möglichen Ansteckungen in den Tiroler Großbetrieben beschäftigt sehr viele Mitarbeiter, wie eine Flut an E-Mails besorgter Tiroler an die TT-Redaktion zeigt. Besonders Ältere und jene, die beispielsweise daheim im Haushalt mit älteren Menschen oder Schwangeren zusammenleben, sind besorgt.

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Gleichzeitig stecken Industriebetriebe im Dilemma, wegen aufrechter Verträge weiterproduzieren zu müssen. Zudem sorgen sie auch dafür, dass die Wirtschaft im Land nicht komplett zum Erliegen kommt, wirbt Eugen Stark, Geschäftsführer der Industriellenvereinigung Tirol, um Verständnis: „Die Absatzmärkte und damit die Ar- beitsplätze und letztlich die Unternehmen erhalten wir am ehesten dann, wenn wir auch in dieser kritischen Situation die Produktion aufrechterhalten.“ Zudem seien nicht wenige Betriebe systemrelevant. „Und wenn sie nicht liefern, stehen auch andere Produktionen“, erklärt Stark.

„Das kann lebenswichtige Produkte wie medizinische Geräte, aber auch ­Lebensmittel betreffen.“ Weil Betriebe verpflichtet seien zu liefern, müssten sie bei Betriebsschließung ohne behördliche Vorschreibung unter Umständen Strafen zahlen: „Das würde die Unternehmen in dieser schwierigen Zeit in ihrer Existenz gefährden.“ Die Unternehmen seien den Mitarbeitern, die jetzt zum Betrieb stehen, für ihre Loyalität zutiefst dankbar. „Ihr Risiko wird durch Einhalten rigoroser medizinischer und hygienischer Vorschriften minimiert“, meint Stark.

Die Bauinnung ist sauer: Sie fühlt sich mit der Entscheidung, Baustellen zu schließen, alleine gelassen.
© Thomas Boehm / TT

Landeshauptmann Günther Platter verkündete gestern indes einen sofortigen Baustopp für alle Landesbaustellen, also jener Baustellen, an denen das Land als Bauherr auftritt: „All jene werden eingestellt.“ Ausnahmen gelten nur für solche, die zur Erhaltung kritischer Infrastruktur notwendig seien. Darauf, welche das sind, ging Platter in der Videopressekonferenz nicht ein. Jedoch betonte er erneut, dass „man prinzipiell arbeiten kann“. Auch im Baugewerbe. Jedoch müsse man „Abstand halten“.

Wie berichtet, haben sich die Sozialpartner im Land gestern auf einen „Verhaltenskodex“ geeinigt. Darin enthalten sind nicht nur die Erinnerung an die Fürsorgepflicht der Unternehmer für ihre Mitarbeiter, sondern auch die Anleitung, wie Arbeiten zu organisieren seien. Darunter etwa, „z. B. Baustellen grundsätzlich so zu organisieren, dass sie den Empfehlungen der AGES betreffend Abstand zwischen Personen oder Vermeidung von Personengruppen entsprechen“. Hat es doch am Montag Kritik daran gegeben, dass Bauarbeiter teils in Kleinbussen – und somit entgegen den derzeit ausgesprochenen Corona-Vorsichtsmaßnahmen – auf Baustellen geschickt worden sein sollen.

Anton Rieder, seines Zeichens Obmann der Bauinnung innerhalb der Tiroler Wirtschaftskammer, forderte gestern den Gesetzgeber zum Handeln auf: „Alle Baustellen, die nicht als Notfall-Arbeiten zur Aufrechterhaltung der Infrastruktur bzw. zur Stilllegung der Baustelle erforderlich sind, müssen durch behördliche Anordnung geschlossen werden.“ Dies müsse rechtlich sofort klargestellt werden, ansonsten hänge die gesamte Baubranche in der Luft. Immerhin sei sie den jeweiligen Bauherren rechtlich verpflichtet. Platters Ansage erntet daher auch Rieders Kritik. Es sei „schon nicht fair“, Landesbaustellen einfach zuzusperren, den Rest aber auf die Kammer und Betriebe abzuschieben. „Unsere Betriebe sind extrem verunsichert.“ Ausgangssperren für fast alle, aber gleichzeitig eine unbeschränkte Bautätigkeit? „Damit kommen wir nicht klar.“ Man wolle die Mitarbeiter schützen.

Rieder rechnet zwar damit, dass die Betriebe in den kommenden Tagen schrittweise ohnedies ihre Baustellen einstellen würden, Notdienste würden aufrecht bleiben. Derzeit bleibe es aber „eine betriebliche Entscheidung“. Umso mehr brauche es klare gesetzliche Vorgaben.


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