Trotz Corona wird weiter produziert: „Ohne Industrie droht der Kollaps“

Die Chefs von Tiroler Industrieunternehmen erklären, wieso eine Produktion trotz Corona bei Einhaltung strengster Regeln erforderlich sei. „Sonst hat die Gesellschaft noch ganz andere Probleme.“

In Werken wie jenem in Kundl/Schaftenau wird unter verschärften Auflagen weiter produziert.
© Andreas Rottensteiner / TT

Von Alois Vahrner

Innsbruck – Österreich läuft seit Montag im „Notbetrieb“. Es gibt einschneidende Maßnahmen, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Viele Bereiche haben auf Heimarbeit umgestellt. Tourismus, Seilbahnen, Teile des Handels und viele andere Betriebe sind zu, teils wurden und werden auch Industrieproduktionen gestoppt.

Aus der Tiroler Industrie kommen nun vehemente Stimmen, die eindringlich vor einer Einstellung aller Produktionen warnen. So betont Industriellen-Präsident und Tyrolit-Chef Christoph Swarovski gegenüber der TT: „Ein Großteil der Tiroler Industriebetriebe arbeitet zurzeit weiter, unter höchsten Anstrengungen in Sachen Hygiene und Schutz der Beschäftigten.“ Es gehe dabei nicht um Profite oder Ergebnisse, sondern schlicht darum, „einen sonst drohenden Kollaps in der Wirtschaft zu verhindern“. Sonst könnten Versorgungsketten zusammenbrechen und damit viele Existenzen von Zulieferern oder Abnehmerfirmen sowie unzähligen Beschäftigten, sagt Swarovski. „Die Industrie tut alles, um die Versorgung sicherzustellen.“

Tyrolit etwa stelle Schleifscheiben für die Produktion von dringend benötigten Injektionsnadeln oder Schutzanzügen her. Er verstehe Sorgen vor einer Ansteckung, man versuche aber alles, die Gefahr zu minimieren. Es gebe große Solidarität innerhalb der Belegschaften und die Bereitschaft, die Produktionen aufrechtzuerhalten.

Auch bei Egger in St. Johann wir weiter gearbeitet.
© Egger/APA Judith

Swarovski hofft, dass die jetzige Ausnahmesituation möglichst rasch überwunden werden kann und man zumindest bis Ende April/Anfang Mai wieder in Richtung Normalität zurückkehren könne. Eine Lehre der Corona-Krise sei, dass Europa eine Re-Industrialisierung brauche und Schlüsselindustrien hier haben müsse.

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Für viele überlebenswichtig sei die Beibehaltung der Produktion von Novartis/Sandoz in Kundl und Schaftenau, sagt Country President von Novartis Austria, Michael Kocher. In Tirol würden etwa dringend benötigte Medikamente für die Krebstherapie ebenso hergestellt wie die vielfach – etwa bei jeder Operation – benötigten Antibiotika. Kocher drängt darauf, dass Sandoz als „systemrelevantes Unternehmen“ klassifiziert wird. Auch wenn mittelfristig die Versorgung mit Medikamenten aus Kundl/Schaftenau gesichert zu sein scheine, müsse man im Sinne vieler Menschenleben auf jeden Fall weiter produzieren. Dazu brauche man dann auch die Möglichkeit für Transporte und etwa die Einreise der Mitarbeiter aus Bayern. In vielen Bereichen habe man auf Home Office umgestellt, in der Produktion auch in Sachen Corona-Gefahr auf höchste Hygienestandards. Teile der Mannschaft in sensiblen Bereichen seien derzeit zu Hause, um im Fall des Falles einspringen zu können. Wenn nämlich verschiedene Produktionen mit ihren langen Prozesssen ausfallen würden, bräuchte man Monate, um hier wieder funktionsfähig zu werden.

Der Werksleiter des St. Johanner Holzwerkstoff-Herstellers Egger (in ganz Europa und Argentinien mit 19 Standorten und 10.000 Mitarbeitern tätig, davon über 1000 in Tirol), Matthias Danzl, berichtet von einer sehr guten Auftragslage – und der Verpflichtung gegenüber Lieferanten und vielen Abnehmern wie Tischlern und Zimmerern, die sonst auf dem Trockenen säßen und zusperren müssten. Man habe die Sicherheits- und Hygienemaßnahmen extrem hochgefahren – die Abstandsregeln seien etwa auch ein guter Schutz. Man habe Teams gesplittet, um sicherer zu sein. Betriebsrat und Mitarbeiter würden voll mitziehen, um sich nicht vom Virus in die Knie zwingen zu lassen. „Das ist phantastisch, dieser Zusammenhalt macht uns alle sehr stolz“, lobt Danzl.

Ein weiterer Appell, die Versorgungssicherheit aufrechtzuerhalten, kommt vom Chef der in Tourismus, Gewerbe und Industrie tätigen Pletzer-Gruppe, Manfred Pletzer. Im Tourismusbereich sei man im Krisenmodus und in Kurzarbeit, im Industrie- und Gewerbebereich werde weiter, wenn auch etwas eingeschränkt gearbeitet und produziert. Bei der Energie- und Wärmeversorgung sei es sehr wichtig, dass die Produktion und die Montagen weiterlaufen, sagt Pletzer. Man sei in enger Abstimmung mit den Behörden. Vielfach würden freilich die Nerven etwas blank liegen, so Pletzer, der auch Vizepräsident der Tiroler Wirtschaftskammer ist. Die Brennerei Erber habe man übrigens zuletzt auf die Produktion von Desinfektionsmitteln umgerüstet. In der Belegschaft gebe es großen Zusammenhalt und Kampfgeist, die Wirtschaft am Laufen zu halten. Ein Beschäftigter aus dem früheren Kriegsgebiet Kroatien habe gar gemeint: „Wir befinden uns bei Corona in einer Art Krieg, bei dem man allerdings keinen Granaten-Einschlag hört.“

Covid- statt Epidemiegesetz

Das Epidemiegesetz stammt aus den 1950er-Jahren und ist mittlerweile weitgehend überholt. Es war für Einzelsperren gedacht, etwa wenn ein Schlachthof behördlich geschlossen werden muss, weil ein Krankheitserreger dies notwendig macht. Im Epidemiegesetz waren hierfür umfangreiche Entschädigungen vorgesehen. Aus Sicht des Gesetzgebers kann dieses Gesetz aber in der aktuellen Corona-Pandemie nicht zur Anwendung kommen. Die Rechtsgrundlage für die umfangreichen Maßnahmen wie eben die Betretungsverbote für Geschäfte und Gastbetriebe liefert nun das neue „COVID-19-Maßnahmengesetz“. Es erlaubt, das Betreten von Betriebsstätten „zum Zweck des Erwerbs von Waren und Dienstleistungen zu untersagen“, um die Verbreitung des Virus zu verhindern. Im Gegensatz zum Epidemiegesetz 1950 sieht das „COVID-19-Maßnahmengesetz“ für Betriebsschließungen aber keinen Rechtsanspruch auf Entschädigung vor.

Stattdessen wurde am Wochenende zuerst ein Vier-Milliarden-Euro-Krisenfonds geschaffen, darin inkludiert ist auch der Härtefonds und das neue Corona-Kurzarbeitsmodell. Am gestrigen Mittwoch kündigte nun die Regierungsspitze an, dieses Hilfspaket gegen die weitreichenden wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise auf 38 Milliarden Euro aufzustocken. (misp)


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