Tirols Kletter-Star Jakob Schubert: Einer wie er lässt sich nicht hängen

Von der „perfecto mundo“ zur kleinen Welt im heimischen Garten – Tirols Kletter-Star Jakob Schubert ist hin- und hergerissen zwischen sportlichen Träumen und virusbedingten Realitäten. Eine Momentaufnahme.

Jakob Schubert durchstieg im Spätherbst in Spanien die „perfecto mundo“. Und ist damit einer von fünf Kletterern, die den Schwierigkeitsgrad 9b+ bewältigt haben.
© hannes mair

Von Max Ischia

Innsbruck – Was tun, wenn sämtliche Trainingsstätten geschlossen sind und eine landesweite Ausgehsperre auch vor einem dreifachen Kletter-Weltmeister nicht Halt macht? Es wird improvisiert. „So gut es eben geht“, lächelt Jakob Schubert, der gerade ein Teamtraining absolviert hat. Teamtraining? „Natürlich war jeder für sich, aber unsere Trainer Kilian Fischhuber und Katharina Saurwein waren uns über Youtube-Livestream zugeschaltet.“

Jakob Schubert mit Freundin Carmen und seinen WG-Kollegen Michael (vorne) und Lukas.
© schubert

Eigentlich wäre die rot-weiß-rote Kletter-Elite an diesem Wochenende bei der Europameisterschaft in Moskau. Eigentlich. Die Gegenwart befindet sich im viralen Würgegriff, die kurz- und mittelfristige Zukunft bleibt unvorhersehbar. Auch für Schubert. Er weiß nicht, ob die Kontinentaltitelkämpfe im Juni nachgetragen werden und wie sich das mit dem Heim-Weltcup Ende Juni in Innsbruck vereinbaren lässt. Was der 29-Jährige weiß: „Geht es nach mir, dann bin ich bei beiden Wettkämpfen am Start.“ Zukunftsmusik.

Die Gegenwart spielt sich derzeit in den heimischen WG-Wänden ab – und bei diesem prachtvollen Frühlingswetter im großzügigen Garten, wo Schubert unter Aufsicht seiner Mitbewohner und Kletterkollegen Lukas Köb und Michael Piccolruaz sowie Freundin Carmen Wieser an der Beweglichkeit arbeitet. Oder sich das hölzerne Griffbrett schnappt, welches an einem Seil vom Balkon baumelt. „Zehnerpyramiden-Klimmzüge kommen im regulären Trainingsplan viel zu selten vor. Jetzt ist die perfekte Zeit dafür.“

Das Griffboard im Garten leistet dieser Tage gute Dienste.
© Schubert

Apropos perfekt. Wenn die Sprache auf die „perfecto mundo“ kommt, was übersetzt perfekte Welt heißt, beginnen die Augen des Blondschopfs zu leuchten. „perfecto mundo“ ist eine Kletterroute im spanischen Margalef, mit einem 45-Grad-Überhang und einem Schwierigkeitsgrad von 9b+. Schubert hat dieses Biest im Spätherbst bezwungen und nun das Video dazu auf Youtube gestellt. „Der Durchstieg der Route war nicht nur ein physischer, sondern auch ein mentaler Kampf und zählt definitiv zu den besten Momenten meines bisherigen Lebens.“ Sagt jener Mann, der auf den künstlichen Wänden nahezu alles gewonnen hat, was es zu gewinnen gibt, und nicht zuletzt wegen seiner beiden WM-Goldenen 2018 in Innsbruck auch als Titelverteidiger in die Tiroler Sportlerwahl 2019 gegangen ist. Dass er sein Video gerade jetzt online gestellt hat, kommt nicht von ungefähr. Gerade jetzt, wo das Coronavirus Tag für Tag neue Schreckensbilder zeichnet, „ist es eine gute Zeit, sich der positiven Dinge in unserem Leben bewusst zu werden“.

Schubert steht dem wackelnden Projekt Olympia­premiere in diesem Sommer in Tokio realistisch gegenüber. „Natürlich ist Olympia ein ganz großer Traum, aber in dieser außergewöhnlichen Situation gibt es so viel Wichtigeres.“

„perfecto mundo“ – Fakten

Erschlossen und eingerichtet wurde die Route bereits 2009 von der US-Kletterlegende Chris Sharma, der allerdings an der Erstbegehung scheiterte. Diese war 2018 Alexander Megos (GER) vorbehalten.

Die Route, die zu den vier schwierigsten weltweit zählt, zieht durch einen 45-Grad-Überhang im spanischen Kletter-Hotspot Margalef. Sie startet mit 25 kraftzehrenden Zügen, bevor die Schlüsselpassage mit einem Sprung von einem Ein-Finger-Loch zu einem Zangengriff folgt. Danach folgt ausdauernde Kletterei mit kaum Rastmöglichkeiten, ehe sich die steile Wand in eine Platte neigt und zum Top führt.

Jakob Schubert zählt nun zum Kreis von nur fünf Personen, die den Schwierigkeitsgrad 9b+ bewältigt haben.


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