Nur noch akute Fälle sollen in Rehazentren

Reha- und Kurhäuser schließen bis auf wenige Ausnahmen am Wochenende. Noch sind viele Fragen offen. Auch bei der 24-Stunden-Pflege bereitet man sich auf den Ernstfall vor.

Rehazentren sollen die Akutspitäler entlasten, viele Details sind aber noch offen
© REHA Zentrum Münster

Von Carmen Baumgartner-Pötz und Michael Sprenger

Wien – Um die 24-Stunden-Pflege auch im Corona-Ausnahmezustand sicherstellen zu können, verhandelt Österreich derzeit fieberhaft über Ausnahmeregelungen bei den Grenzschließungen. 60.000 Pflegerinnen zumeist aus ost- und südosteuropäischen Ländern betreuen im Regelfall in zwei Schichten 30.000 ältere pflegebedürftige Menschen in Österreich. Heute will der Nationalrat ein Gesetz verabschieden, um auch Zivildiener für die Pflege einsetzen zu können. Ohne eine Lösung könnte für die Versorgung der zu pflegenden Menschen ein Desaster drohen, befürchtet Caritas-Generalsekretär Bernd Wachter.

Am Wochenende werden nun auch wegen des Virus Rehakliniken und Kuranstalten geschlossen. Jene Patienten, die einen akuten Behandlungsbedarf haben, etwa Krebs- und Schlaganfallpatienten, werden aber weiter betreut, versichert der grüne Gesundheitsminister Rudolf Anschober.

Enorme gesellschaftspolitische Herausforderung

Schon bisher war die Pflege eine enorme gesellschaftspolitische Herausforderung. Doch dies könnte sich durch die Corona-Pandemie noch zu einem „regelrechten Desaster“ auswachsen, berichtet Bernd Wachter, Generalsekretär der Caritas Österreich, mit Blick auf die 24-Stunden-Betreuung.

Österreichweit sind 60.000 Pflegerinnen im Einsatz, die abwechselnd in 14-Tage-Schichten tätig sind, um 30.000 alte Menschen zu betreuen. Der Großteil der Pflegerinnen kommt aus Rumänien, Ungarn, Bulgarien und der Slowakei.

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Aufgrund der aktuellen Grenzschließungen arbeitet unter der Federführung des Sozial- und Außenministeriums die Regierung mit Hochdruck an einer Lösung für die 24-Stunden-Betreuerinnen. Man hoffe eine Ausnahmeregelung für Pflegerinnen zu bekommen, hieß es am Donnerstag aus dem Büro von Sozial- und Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne). In der Regierung wird auch über eine Luftbrücke für die ost- und südosteuropäischen Länder nachgedacht. Im Regelfall werden die Pflegerinnen in Bussen von und nach Österreich gebracht.

Ein „regelrechtes Desaster“ droht im Pflegebereich, wenn für die 24-Stunden-Betreuerinnen nicht rasch eine Lösung gefunden wird.
© Panther Media

Bernd Wachter, er selbst ist bei der Caritas-Betreuungsagentur für 800 Pflegerinnen (allerdings nicht in Tirol) verantwortlich, bereitet sich auf den Ernstfall vor. Er ist hierbei mit den anderen Agenturen und Hilfsorganisationen und dem Ministerium in enger Absprache „Wir hoffen, wo möglich, auf die Unterstützung der Familien. Pflegerinnen erklären sich zum Teil bereit, über ihren 14-Tage-Einsatz im Dienst zu bleiben. Aber wir bereiten uns vor, das überlastete Pflegepersonal mit unseren mobilen Pflegeeinrichtungen zumindest tagweise zu entlasten.“ Wachter begrüßt ausdrücklich die heute im Nationalrat geplante Gesetzesänderung. Hierbei kommt es zu Lockerungen der Richtlinien im Pflegebereich. „Im Normalfall sind die Richtlinien richtig und wichtig. Aber wir haben jetzt keinen Normalfall“, betont Wachter im Gespräch mit der Tiroler Tageszeitung. Somit könnten künftig auch Zivildiener ohne spezielle Ausbildung im Pflegebereich unterstützend zum Einsatz kommen.

Ab dem Wochenende werden auch die Rehakliniken und Kuranstalten geschlossen, wie Gesundheitsminister Anschober ankündigte.

Ausnahmen soll es nur für Patienten geben, die einen akuten Behandlungsbedarf haben. So werden etwa Krebs- oder Schlaganfall-Patienten weiter betreut. Die durch die Schließung frei werdenden Ressourcen sollen dann ab nächster Woche für die Behandlung von leichten Corona-Fällen verwendet werden. So lautete gestern die Information aus dem Gesundheitsministerium, der entsprechende Erlass wurde erst noch erarbeitet.

12 der 15 Reha-Zentren der PVA sollen als Notspitäler zu fungieren

Die Verunsicherung, was das nun genau für die Praxis heißt, war gestern noch groß, wie ein bundesweiter Rundruf der TT bei mehreren Rehakliniken ergab. „Wir wissen auch nicht mehr, als über die Medien kommuniziert wurde“, hieß es von mehreren betroffenen Einrichtungen. Nach Gesprächen mit dem Ministerium sollen den Häusern heute genauere Informationen vorliegen, welche Patienten noch bleiben dürfen und welche heim geschickt werden. In Tirol betrifft das etwa den Standort Münster, wo neurologische, kardiologische, pulmologische, onkologische sowie psychosoziale Rehabilitation angeboten wird.

Auch bei der Pensionsversicherungsanstalt (PVA) muss man sich auf die neuen Gegebenheiten erst einstellen. Insgesamt gibt es in der PVA in den 15 stationären Einrichtungen 2253 Betten. In Tirol hat die PVA keine eigenen Häuser sondern private Vertragspartner. Die meisten Betten entfallen auf den Stütz- und Bewegungsapparat (809), gefolgt von Herz-Kreislauf (744) und Stoffwechsel (282). Da man sich seit Wochen auf Corona vorbereite, hätten die Rehabilitationseinrichtungen schon jetzt ein deutlich reduziertes Patientenaufkommen, wie PVA-Pressesprecher Markus Stradner im Gespräch mit der TT erklärte. Planbare und nicht dringende Operationen, die einen anschließenden Reha-Aufenthalt nach sich ziehen könnten, wurden ja bereits in den letzten Tagen bundesweit heruntergefahren.

Voraussichtlich 12 der 15 Reha-Zentren der PVA sollen in Betrieb bleiben, um als Notspitäler zu fungieren, den Anfang machen Saalfelden und Großgmain. Wie Stradner sagt, hat die PVA mit den Krisenstäben aber eine Übereinkunft getroffen, dass diese keine „Corona-Einrichtungen“ werden, sondern die Akutspitäler entlasten. Das bedeutet, dass Patientinnen und Patienten, bei denen eine häusliche Betreuung noch nicht möglich ist, in den Rehakliniken betreut werden können – aber nur so lange wie nötig. Schon in der vergangenen Woche konnten Patienten, die das wünschten und versorgt waren, die Reha-Einrichtungen sanktionslos verlassen.

Bereits geschlossen sind die ambulanten Rehas, was ebenfalls viele Patienten vor Probleme stellt – und auch ganze Berufsgruppen wie etwa Physiotherapeuten. Könnten diese unter den neuen Bedingungen trotzdem noch in irgendeiner Form Patienten betreuen?

Ursula Benda ist im Orthopädischen Spital Speising in Wien Koordinatorin der ambulanten Reha für den Bewegungs- und Stützapparat, wo normalerweise 86 Patienten parallel betreut werden. Nun sitzt sie im Home-Office und arbeitet Akten ab. „In der Physiotherapie ist das visuelle Element sehr wichtig. Das könnte man vielleicht noch über Videotelefonie abfangen“, meint sie. Als Bindeglied zwischen Patient und Therapeut könnten auch Apps wie Physitrack helfen, die zu Übungen anleiten. Dann stoße man aber schon an Grenzen.

Primaria Daniela Gattringer von der ambulanten Onko-Reha im Ordensklinikum Linz gibt sich ebenfalls zurückhaltend. „Wie wir unseren Auftrag zur Patientenversorgung in der nächsten Zeit gewährleisten, müssen wir erst noch klären.“ Das müsse aber wohlüberlegt sein: „Gerade bei onkologischen Patienten ist eine Verunsicherung unbedingt zu vermeiden.“


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