Johnson verliert Kontrolle, Übergangsphase bis Ende 2022?

Die britische Politologin Melanie Sully sieht Johnsons Krisenmanagement als gescheitert an. Die Brexit-Übergangsphase könnte verlängert werden.

Schluss mit lustig: Teile der Londoner U-Bahn wurden gestern wegen der Coronavirus-Pandemie stillgelegt.
© AFP

Von Christian Jentsch

London –Nun schrillen auch in London die Alarmglocken. Und auch der britische Premier­minister Boris Johnson bedient sich in der Corona-­Krise wie Frankreichs Präsident Macron nun der Kriegsrhetorik: Er sieht das Land „in einem Krieg gegen diese Krankheit, den wir gewinnen müssen“. Doch es dauerte lange – wahrscheinlich viel zu lange –, bis die Regierung in London den Ernst der Lage erkannte.

Die britische Politologin Melanie Sully, Direktorin des Instituts für Go-Governance in Wien und frühere Gastprofessorin am Institut für Politikwissenschaft an der Uni Innsbruck, erklärt im Gespräch mit der Tiroler Tageszeitung: „Johnson hat sich verspekuliert. Die Lage scheint außer Kontrolle geraten zu sein. Die Zahl der Infizierten in London steigt rasant an.“ Laut Sully hat Großbritannien wichtige Zeit verspielt: „Man glaubte, man habe in Hinsicht auf die Verbreitung des Virus im Vergleich zu Ländern wie Italien noch einen großen Zeitvorsprung. Doch Großbritannien ist international stark vernetzt – es gibt große chinesische Gemeinschaften in vielen Städten, London ist eine internationale Finanzmetropole.“

Im Vereinigten Königreich haben sich nach offiziellen Schätzungen bereits Zehntausende Menschen mit dem Erreger angesteckt. Kritiker werfen Johnson vor, mit viel zu laschen Maßnahmen auf die Pandemie reagiert zu haben. Die Regierung wollte mit ihrer Politik der kleinen Schritte verhindern, dass der Ausbruch zu stark unterdrückt wird. Man sprach vom Aufbau einer „Herdenimmunität“. In Horrorszenarien war dann von bis zu 500.000 Toten im Land die Rede. Angesichts der erschreckenden Zahlen musst­e Johnson eine Schub­umkehr einleiten und erhöhte die Schutzmaßnahmen. Heut­e schließen alle Schulen im Land. Gestern wurden Teile der Londoner U-Bahn stillgelegt. Gerüchte von einer Abschottung Londons machen die Runde. „Die Angst geht um“, so Sully. Und eines ist laut der Politologin klar: Der marode staatliche Gesundheitsdienst NHS würde wohl bald zusammenbrechen.

Melanie Sully
(Politologin): „Premier Johnson hat sich verspekuliert. Doch das Land rückt zusammen.“
© Sully

Für eines hat die Corona-­Krise jedenfalls auch gesorgt: „Die Spaltung der Gesellschaft in Brexit-Befürworter und Brexit-Gegner ist vorerst Geschicht­e“, so Sully. Und: Auch die sonst regelrecht verfeindeten Parteien rücken zusammen. Laut Sully ist sogar von einer Regierung der nationalen Einheit die Rede, eine Zusammenarbeit von Johnsons Konservativen mit Labour ist angedacht. Knapp zwei Monate nach dem Brexit soll auch die Übergangsphase, in der Großbritannien noch im EU-Binnenmarkt und in der Zollunion ist und in der ein Handelsvertrag mit der EU ausverhandelt werden soll, nun möglicherweise doch verlängert werden. Sully spricht von einer möglichen Verlängerung bis Ende 2022. EU-Unterhändler Michel Barnier machte gestern bekannt, dass er mit dem Coronavirus infiziert ist. Ein Abschluss der Verhandlungen bis Jahresende scheint derzeit ausgeschlossen.

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