Österreichs Lehrlinge leben häufig ungesund

Energy-Drinks, Zigaretten, Übergewicht: Tirols Lehrlinge leiden oft an gesundheitlichen Beschwerden. Mädchen sind psychisch häufig stark belastet.

Mädchen in der Lehre sind psychisch stärker belastet als Burschen und Schülerinnen.
© iStockphoto

Von Nina Werlberger

Innsbruck, Wien – Die heimischen Lehrlinge rauchen zu viel, sind oft übergewichtig und ernähren sich falsch. Das zeigt eine aktuelle Studie des Instituts für Gesundheitsförderung und Prävention. Im Vergleich mit den gleichaltrigen Schülern schneiden sie in Sachen Gesundheit wesentlich schlechter ab.

Das Team von Studien­autorin Rosemarie Felder-­Puig hat 2000 Lehrling­e verschiedener Berufe zwischen Vorarlberg und dem Burgenland befragt. Dabei kam heraus: Mehr als die Hälfte aller Lehrlinge beiderlei Geschlechter raucht – und jeder zweite davon tut das täglich. Im Vergleich dazu sinkt bei den gleichaltrigen Schülerinnen und Schülern die Zahl der Raucher seit Jahren kontinuierlich. Hier raucht noch jedes fünfte Mädchen und jeder viert­e Bursch. Das geht aus der HBSC-SchülerInnen-Studie hervor, welche das Gesundheitsministerium im Vorjahr vorgelegt hat.

Ein großes Thema bei Lehrlingen ist auch Übergewicht. Laut der aktuellen Erhebung bringen jedes fünfte Mädchen und mehr als jeder vierte Bursch mit Lehrverhältnis zu viele Kilos auf die Waage. Studienautorin Felder-Puig bezeichnet diese Werte als „sehr hoch“.

Aber nicht nur die übergewichtigen, sondern auch viele normal- und untergewichtige Lehrlinge ernähren sich demnach nicht gerade sehr gesund. Laut der Erhebung isst nicht einmal ein Fünftel jeden Tag Obst oder Gemüse. Dafür trinkt fast die Hälfte der Lehrlinge mehrmals in der Woche Energy-Drinks und isst Fast Food.

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Belastet sind vor allem die Mädchen: Was die psychische Gesundheit angeht, schneiden sie nicht nur schlechter ab als die Schülerinnen, sondern auch als ihre männlichen Lehrlingskollegen. Die Mädchen leiden häufiger an psychosomatischen Beschwerden und emotionalem Unbehagen, geht aus der Studie hervor. Auch machen sie weniger Sport als die jungen Männer. Etwas besser sind ihr­e Ergebnisse nur beim Alkohol- und Cannabis-Konsum und bei der Ernährung.

Felder-Puig nimmt an, dass die Gründe für die psychischen Belastungen der Mädchen in der Wahl des Lehrberufs und ihrer sozialen Situation zu finden sind. Sie verweist auf die nach wie vor typischen und „klischeebehafteten Lehrberufe“, für die sich die Mädchen oft entscheiden. Diese seien teilweise eben unattraktiver als jene, welche die Buben häufig wählen – auch finanziell. Außerdem würden oft jene Mädchen solche Ausbildungen wählen, die bereits von Haus aus belastet seien, sagt Felder-Puig. Auch würden weibliche Lehrlinge oft in Kleinbetrieben ausgebildet, wo noch wenig in Sachen Gesundheitsförderung getan werde. „Das soll keine Stigmatisierung und Pauschalierung sein“, betont sie.

Zu tun gibt es in den Augen der Expertin jedenfalls einiges in Sachen Lehrlingsgesundheit, denn während sich bei den Schülern der Lebensstil in den vergangenen Jahren verbessert hat, bestätigt die neue Studie die schlechteren Werte der Lehrlinge aus früheren, ähnlichen Erhebungen einmal mehr. Als problematisch sieht die Expertin insbesondere die hohe Raucherquote an. „Auch bei der Ernährung könnte man relativ viel tun“, bemerkt Felder-Puig.

Zusammen mit einem Projektbeirat haben die Studienautoren Handlungsempfehlungen aus ihren Daten abgeleitet. Ziel sei es, die psychische Gesundheit und die Resilienz der Lehrlinge zu steigern. Nötig wäre dafür unter anderem auch ein­e „wohlwollende Feedbackkultur und eine aufbauende Fehlerkultur“ im Betrieb, heißt es an dieser Stelle. Und: „Beschämung muss als absolutes Tabu gelten.“ Ein Problem vieler Lehrlinge ist demnach auch ihr Handykonsum. Weil sie nach der Arbeit ihr­e unzähligen Nachrichten abarbeiten, leiden viele auch an Bewegungs- und Schlafmangel.

Rund drei Viertel aller Lehrlinge sind laut der neuen Studie übrigens mit ihrer Ausbildung, ihrer Tätigkeit und dem Lehrbetrieb recht zufrieden. Die stärksten Arbeitsbelastungen sind für die Lehrlinge langes Stehen, schweres Heben, sozialer Stress sowie Über-, aber auch Unterforderung. Diese Faktoren zeigen laut der Studie die stärksten Zusammenhänge mit gesundheitlichen Beschwerden und emotionalem Unbehagen.

In Tirol waren zum Jahresende 2019 insgesamt 10.874 Lehrlinge in 3402 Ausbildungsbetrieben tätig. Mehr als zwei Drittel davon sind Burschen.


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