„Der Boden unter den Füßen“: Vom Kopf auf die Füße gestellt

„Der Boden unter den Füßen“ (heute auf ORF 2) eröffnete 2019 die Diagonale. Heuer findet das Festival auf verschiedenen Online-Kanälen statt.

Valerie Pachner beeindruckt in „Der Boden unter den Füßen“ als Businessfrau, deren Workaholic-Alltag plötzlich aus dem Ruder läuft.
© ORF

Von Marian Wilhelm

Graz, Wien –Den „Boden unter den Füßen“ verlieren dieser Tage viele Leute. Der gleichnamige Spielfilm von Marie Kreutzer eröffnete vor einem Jahr die Diagonale. Heute Abend ist er um 23.14 Uhr auf ORF 2 zu sehen.

Das Drama dreht sich um das ungleiche Schwestern-Duo Lola und Conny, ausdrucksstark gespielt von Valerie Pachner und Pia Hierzegger. Lola, die jüngere, ist eine erfolgreiche Unternehmensberaterin und jettet im Workaholic-Modus um die Welt. Aber sie ist auch der Vormund ihrer psychisch labilen Schwester in Wien. Nach einem Selbstmordversuch Connys gerät das durchorganisierte, übervolle Arbeitsleben Lolas durcheinander, durch die plötzliche Störung kommt sie bei vollem Tempo ins Straucheln.

Mit einem Hauch Psychothriller deutet Regisseurin Marie Kreutzer kurz einen anderen Film an, bevor sie wieder ins Schwestern-Drama zurückkehrt. Unter der persönlichen Ebene liegt eine etwas thesenhafte Kapitalismuskritik, in Gestalt von Lolas Chefin und Liebhaberin Elise (eiskalt: Mavie Hörbiger) und den Business-Männern um sie herum.

Der Film hängt maßgeblich an den drei Figuren und ihren durchwegs starken Darstellerinnen. Vor allem Pachner hält so manche orientierungslose Szene mit ihrer Intensität zusammen und gibt dem insgesamt durchaus sehenswerten Film Kraft. Dass ihre stechend blauen Augen für den Film jedoch mit dunklen Linsen entschärft wurden, passt ins düstere Bild.

Shooting-Star Valerie Pachner versucht inzwischen ihr Glück auch im internationalen Filmbusiness in der noch unveröffentlichten Action-Komödie „The King’s Man“. Heuer wäre sie erneut im Diagonale-Programm vertreten gewesen, als großartige Franziska Jägerstätter in Terrence Malicks „A Hidden Life“.

Das Grazer Festival des österreichischen Films fällt 2020, wie berichtet, komplett aus. Nun wurde allerdings unter dem Titel „Die Unvollendete“ das geplante Programm der Festivalausgabe veröffentlicht. Darunter finden sich einige Filme des vergangenen Kinojahres, aber auch frische österreichische Beiträge von internationalen Festivals, wie die beiden Berlinale-Filme „The Trouble With Being Born“ von Sandra Wollner und „Jetzt oder morgen“ von Lisa Weber. Letzterer ist eine Sozial-Doku über eine Wiener Teenager-Mutter und ihre Familie, die Weber über mehrere Jahre begleitete. Ein typisch österreichischer Blick in die Unterschicht, aber ohne einen bösartigen Ansatz à la Ulrich Seidl. Lisa Weber interveniert dabei immer wieder hinter der Kamera und bringt so Leichtigkeit in den tristen Alltag.

Außerdem im Dokumentar-Programm der abgesagten Diagonale sind die zwei Südtiroler Julia Gutweniger und Florian Kofler mit „Sicherheit123“, einem Porträt des menschlichen Kampfs gegen die Natur in hochalpinen Regionen.

Auch wenn der ganze Filmkalender erst neu geschrieben werden muss – auch das Crossing Europe und selbst das ruhmreiche Festival in Cannes wurden mittlerweile abgesagt bzw. auf unbestimmt verschoben –, wird man den beiden Filmen vermutlich noch heuer in den wiedereröffneten Tiroler Kinos begegnen. Bis dahin muss der Fernseher als unzureichender Kino-Ersatz herhalten. So etwa morgen Montag: Im Anschluss an ein Studiogespräch mit Peter Schernhuber und Sebastian Höglinger, den Leitern der Diagonale, im „Kulturmontag“ (ab 22.30 Uhr) zeigt ORF 2 Anja Salomonowitz’ „Dieser Film ist ein Geschenk“, ein ungewöhnliches Porträt des Künstlers Daniel Spoerri, der am 27. März seinen 90. Geburtstag feiert. Auch dieser Film ist Teil der „unvollendeten“ Diagonale.


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