Aus tiefer Sehnsucht nach der Wahrheit

Die aus Assling stammende Theaterpädagogin Anna Lukasser-Weitlaner ist mit Prosa-Texten erfolgreich.

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Von Christoph Blassnig

Assling, Salzburg –Die Sehnsucht nach Wahrheit treibt Anna Lukasser-Weitlaner seit ihrer Kindheit an. „Bereits im Alter von acht Jahren hab­e ich unserem Geistlichen erklärt, dass Tiere sehr wohl in den Himmel kommen. Er hatte nämlich das Gegenteil behauptet“, verweist die Theaterpädagogin, die am Salzburger Landestheater arbeitet, auf ihre Kämpfernatur. Bis heute will sich die junge Frau, die im Herbst ihren 30. Geburtstag feiert, nicht mit Gegebenheiten abfinden müssen, sondern kritisch den Finger in die Wunden der Zeit legen.

„Als Theaterpädagogin komme ich für Workshops viel im Bundesland Salzburg herum“, sagt Lukasser-Weitlaner. Mit Kolleginnen hat sie sich in den letzten Jahren etwa dem Umgang der Menschen mit Themen wie Homosexualität oder Grenzen angenähert. „Sprache ist Macht“, erklärt die Pädagogin, die seit zwei Jahren auch als Prosa-Vortragende bei Poetry-Slams, das sind Live-Vorträge im Wettbewerb mit anderen, mit ihren eigenen Texten sehr erfolgreich ist. In ihrem Beitrag „Wer klopfet an?“ wirft die Poetry-Slammerin einen entlarvenden, aber auch augenzwinkernden Blick hinter die strahlenden Vorzeigekulissen ihres Heimatbezirkes Osttirol. Im Text „27“ setzt sich Lukasser-Weitlaner autobiografisch mit den geforderten Rollenbildern von Frauen auseinander: „Hausfrau, Ehefrau, Putzfrau, geile Frau, schöne Frau, deine Frau, Powerfrau, Vorzeigefrau, hysterische Frau.“ Es gelte, sich in ein Raster für das schwache Geschlecht einzufügen. „Energisch im Bett, aber trotzdem adrett. Nie defekt, immer perfekt.“

Ihre Arbeit als Theaterpädagogin sei ihr „Traumberuf“, sagt die Kunstschaffende. „Die Kunst bietet einen Schutzraum, um kritisch sein zu können.“ Spannend an ihrer Aufgabe sei, am Theater nicht mit der Moralkeule aufzuzeigen, sondern in der Aufführung eine oder mehrere Botschaften aufzubereiten.

Im Alltag würden es oft schon die Umstände nicht zulassen, immer ehrlich zu sagen, was man sich tatsächlich denkt. „Die pure, ungeschminkte Wahrheit ist nicht immer passend“, weiß auch Lukasser-Weitlaner. Und trotzdem denke sie in vielen Situationen bei sich: „Eigentlich müsste ich sagen, was ich fühle. Doch um beispielsweise Vorurteile gegenüber Ausländern zu besprechen, braucht es Zeit, die ich manchmal einfach nicht habe.“ In ihren Theater-Workshops stellt die Pädagogin einen zunehmend rohen Umgang mit Sprache fest. Aus dem anonymen Kommentieren im Internet würden die Menschen leichtfertig Ausdrücke, Formulierungen und Meinungen in ihren üblichen Sprachgebrauch übernehmen, meint die Theaterbeauftragte. „Wir üben in unseren Workshop-Gruppen das gegenseitige Feedback-Geben. Kinder und Jugendliche schaffen es leichter, eine nicht wertende Einschätzung der Arbeit anderer zu formulieren. Erwachsene im Alter von 18 bis 99 Jahren tun sich damit unglaublich schwer, egal, ob sie in der Stadt oder am Land leben.“ Niemand sei unfehlbar, das müsse einem selbst bei jedem Urteil über andere bewusst sein.

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Und immer wieder taucht der Wunsch nach Ehrlichkeit in Lukasser-Weitlaners Arbeiten auf. An einer anderen Stelle im Text „27“ heißt es: „Schon lange trage ich sie nun in mir. Diese Sehnsucht nach Wahrheit. Weg vom Wortakrobatinnen-Sein und dem Schein. Will spielen mit offenen Karten. Nicht immer wieder ein neues abgekartetes Spiel starten.“


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