Klangvolle Nachbarschaftshilfe: Pianistin spielt in Gnadenwald täglich Balkonkonzert

Pianistin Rita Goller aus Gnadenwald spielt vom Balkon aus täglich für ihr Umfeld. Bei den Balkonkonzerten will sie sich keinesfalls selbst in den Mittelpunkt stellen.

Auf ihrem Balkon im zweiten Stock greift Rita Goller in die Tasten. Jeden Tag kommt eine andere Nachbarsfamilie in den Genuss.
© Goller

Von Michael Domanig

Gnadenwald –„Das ist die einzige Form der Nachbarschaftshilfe, die ich derzeit anbieten kann“, sagt die Pianistin Rita Goller aus Gnadenwald – und meint damit ein „Service“ der besonderen, melodiösen Art: Sie gibt von ihrem Balkon aus momentan jeden Tag um 17 Uhr ein kleines Konzert für eine Familie in der Nachbarschaft.

„Das war nicht meine Idee“, meint sie bescheiden. Zunächst habe sie vor ein paar Tagen beim österreichweiten Balkonkonzert-Flashmob – einem klangvollen Zeichen der Solidarität in der Corona-­Krise – mitgemacht. Das sei bei Familie und Nachbarn so gut angekommen, dass sie es nun ihnen zuliebe weiterführ­e.

Schon vor der tirolweiten Quarantäne hat sich Rita Goller in Selbstisolation begeben, um ihre Angehörigen und Freunde zu schützen – schließlich war sie als selbstständige Profimusikerin viel unterwegs, ist etwa auch in St. Christoph aufgetreten.

Bei den Balkonkonzerten will sie sich keinesfalls selbst in den Mittelpunkt stellen: „Mir geht es nicht darum, meine Musik auf diese Weise zu vermarkten, sondern darum, den Leuten ein Lächeln und wenigstens 15 Minuten Ablenkung zu schenken.“

Für die Darbietungen hat sie „Sicherheitsvorkehrungen“ getroffen: Um zu verhindern, dass mehrere Familien gleichzeitig vor die Tür oder in den Garten gehen, staffelt sie die Kurzkonzerte für die Nachbarn einfach alphabetisch nach deren Namen. Jeden Tag kommt eine andere Familie in den Genuss. Den Abstand zu den angrenzenden Häusern überbrückt sie mit Keyboard, Mikro und einer kleinen Verstärkerbox, die sie am Balkon im zweiten Stock aufbaut.

Jeden Tag spielt sie ein Lied „zur Lage der Nation“ (etwa „Don’t Worry, Be Happy“) und erfüllt den Nachbarn auch Musikwünsche. Statt um 18 Uhr wie anderswo beginnen ihre Balkonkonzerte übrigens schon um 17 Uhr: „Da ist es noch heller und wärmer.“ Nach dem Konzert stellt sie die Auftritte dann jeweils auf ihre Facebookseite.

Dabei ist der studierten Pianistin, Trägerin des Tiroler Klassik-Komponistenpreises 2019 der Eva-Lind-Akademie, aktuell eigentlich nicht nachausgelassenem Musizieren zumute. Die gesamte Musikbranche sei in einer äußerst schwierigen Situation. Ihr als selbstständiger Musikerin sei „von heute auf morgen der komplette Erwerb weggebrochen“: keine Auftritte in Tourismusorten, keine Firmenfeiern, keine Messgestaltung, vorerst auch keine neuen Buchungen. Die Existenzangst sei groß. „Handwerker z. B. können Termine eher aufschieben“, bei Musikern sei alles unsicher. Goller hofft, „dass die Leute gerade in solchen Zeiten erkennen, welche Wertigkeit Musik hat, und uns auch nach der Krise nicht hängen lassen und wieder buchen“. Außerdem wünscht sie sich, „dass sich die Leute im Radio explizit Tiroler Musik wünschen“, um die Branche zu unterstützen.

Für Musikerin wie Publikum sind die Balkonauftritte derzeit eine willkommene Ablenkung: „Ich finde das eine super Idee“, meint Nachbarin Annette Ebert, für deren Familie Rita Goller am Donnerstag spielte, „so wird der Knastkoller nicht zu groß.“ Und das wunderbare Echo in Gnadenwald trage zur Wirkung der Musik noch bei.


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