Tiroler Alpha-Tauri-Teamchef Tost: „Ich mache mir sehr große Sorgen“

Tirols Formel-1-Beitrag, Alpha-Tauri-Teamchef Franz Tost, sitzt derzeit in Faenza (ITA) fest. Der TT erklärte Tost, wie es zur Last-Minute-Absage in Melbourne kam und warum ihn die Zeit nach Corona beschäftigt.

Auch das Leben des 64-jährigen Trinsers Franz Tost (Teamchef Alpha Tauri) steht im Augenblick praktisch still.
© imago images/Eibner

Von Daniel Suckert

Innsbruck, Faenza – Sieht man die täglichen Bilder aus der Lombardei (ITA), dann beunruhigt einen das. Der 64-jährige Franz Tost befindet sich aktuell in Faenza (Ravenna), dem Hauptsitz des Formel-1-Teams Alpha Tauri. Und die wichtigste Frage beantwortet der Trinser gleich zu Beginn: „Mir geht es gesundheitlich gut. Unser Gebiet ist bis jetzt vom Coronavirus verschont geblieben.“

Gegenwart: Das sei auch innerhalb des Rennstalls so. Tost: „Im Team gibt es niemanden, der vom Coronavirus befallen ist. Intern wurden frühzeitig sehr viele Vorkehrungen getroffen, um die Mitarbeiter zu schützen. Bereits im Februar führte man die notwendigen Hygienemaßnahmen ein, Reisen wurden stark reduziert, Besuche und Firmenführungen abgesagt und Mitarbeiter, die aus der von den Behörden erklärten „roten Zone“ kamen, mussten von zu Hause aus arbeiten.“

Aktuell arbeitet in Faenza nur ein kleines Team in der Fabrik, ab dem 3. April gehen Ferrari und Co. dann in die vorgezogene Sommerpause (3 Wochen), wie es das Reglement vorsieht.

Vergangenheit: Verhindern konnte man trotzdem nicht alles. Und so überschlugen sich ausgerechnet beim Saisonstart in Australien (15. März) die Ereignisse. Zunächst reisten alle Rennställe normal nach „Down Under“ – bereits vier Tage vor dem Rennsonntag gab es dann beim britischen Team McLaren den ersten positiv getesteten Mitarbeiter. Daraufhin zog McLaren sein Antreten zurück. Lange wollte der Weltverband FIA trotzdem an der Austragung des Auftakts festhalten, ehe der äußere und interne Druck so hoch wurde, dass man sich zu einer Last-Minute-Absage kurz vor der ersten Trainingseinheit durchringen konnte.

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Die Kritiker hatten trotzdem Hochsaison, auch Mercedes-Superstar Lewis Hamilton (GBR) sprach im Vorfeld der Entscheidung von „Geldgier“. Tost verteidigt das Vorgehen der ­Führungsriege des PS-Zirkus: „Die FIA (Weltverband) kommunizierte permanent mit den Behörden in Aus­tralien. Man war davon überzeugt, das Rennen durchführen zu können. Ohne den McLaren-Vorfall hätte der Grand Prix auch stattgefunden. Im Nachhinein tut man sich immer leichter, alles zu betrachten, und aus heutiger Sicht war es natürlic­h richtig, dass Liberty Medi­a und der Veranstalter das Rennen dann abgesagt habe­n.“

Kurzzeitig waren Gerüchte durch das Fahrerlager gegangen, dass die beiden Teams von Didi Mateschitz, Red Bull Racing und Alpha Tauri, in jedem Fall gefahren wären. Das sei jedoch nicht so gewesen, denn „wir wären nur gefahren, wenn alle Teams am Start gestanden wären“.

Zukunft: Wie und ob es heuer wirklich noch weitergeht, weiß noch niemand. Man arbeite im Hintergrund verbissen an mehreren Lösungen. Was das generelle sportliche Kräfteverhältnis betrifft, glaubt der langjährige Teamchef nicht an eine Änderung. Die kleinen Rennställe würden ihre Rückstände zwar aufholen können, aber die Schwergewichte à la Mercedes „nützen ebenso ihre Zeit und produzieren. Das ist für niemanden ein Vor- oder Nachteil.“

Der wirtschaftliche Schaden für die milliardenschwere Königsklasse sei aber jetzt schon passiert. Tost: „Dabei wissen wir noch gar nicht, wann die Angelegenheit beendet ist. Ich erwarte gravierende Änderungen, speziell in der Formel 1.“ Sprich: Die großen Summen wird es in naher Zukunft wohl nicht mehr geben. Ähnliches scheint ja auch beim Fußball möglich.

Trotz permanenter Verschiebungen des Saisonstarts hält der Trinser 18 Rennen für möglich: „Sofern wir ab Juni überhaupt Rennen bestreiten können. Wenn das der Fall ist, wird von den Teams extreme Flexibilität gefordert sein.“

Dass die Welt praktisch stillsteht, beeindruckt den 64-Jährigen, der in einer Vollgas-Sparte arbeitet, in jedem Fall: „Unser PS-Zirkus wird praktisch auf Null heruntergebremst. Keiner weiß, wann es weitergeht. Diese Unsicherheit und Machtlosigkeit beunruhigt mich, das macht mir Sorgen. Ich fürchte, dass sich vieles ändern wird, und auch der Schaden in der Volkswirtschaft wird immens sein.“

Den Kontakt in seine Tiroler Heimat pflegt Tost so oft wie möglich: „Ich bin telefonisch in Kontakt mit Familienmitgliedern und Freunden. Nach den letzten Meldungen sieht’s leider nicht besser aus als in Italien.“


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