„Ich an meiner Seite“ von Birgit Birnbacher: Wahnsinn mit Methode

Bachmannpreisträgerin Birgit Birnbacher legt mit „Ich an meiner Seite“ einen ganz gegenwärtigen und ziemlich hinterfotzigen Bildungsroman vor.

Nach „Wir ohne Wal“ ist „Ich an meiner Seite“ Birgit Birnbachers zweiter Roman.
© APA

Von Joachim Leitner

Innsbruck – 26 Monate hat Arthur abgesessen. Wegen Internetbetrugs. Jetzt wird er vom Strafvollzug in das entlassen, was man Freiheit nennt. Doch die Freiheit hat nicht wirklich auf Arthur gewartet. Ohne soziales Netz heißt Resozialisierung zunächst einmal getaktete Tage in einer WG für schwer Vermittelbare auf Bewährung. Und Therapie mit Börd. Auch Börd hat schon bessere Tage gesehen. Aber er scheint geübter darin, sich das nicht anmerken zu lassen. Und das ist im Grunde genommen auch die Idee hinter der These, die er an Arthur erproben möchte. Auch der soll sich gewissermaßen in eine durchoptimierte Version seiner selbst verwandeln, in einen erfolgversprechenderen Doppelgänger seiner selbst: „Nicht wer wir sein wollen, ist entscheidend“, erklärt Börd, „sondern, wen wir darstellen können.“

Zusehends verdichtet sich der Eindruck, dass Börds vermeintlicher Wahnsinn tatsächlich Methode haben könnte und dass sich dieser andere Arthur in einer in Oberflächen verliebten Welt, in der nur gilt, was vordergründig nützlich ist, leichter tun könnte.

Mit „Ich an meiner Seite“ legt Birgit Birnbacher, die im Vorjahr mit dem Klagenfurter Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde, einen ganz gegenwärtigen und im Kern hinterfotzigen Bildungsroman vor: Der geläuterte Trickbetrüger übt sich in einer neuen Täuschung – und sucht damit einen Ausweg aus der Deklassierungsfalle.

Wie Arthur auf die so genannte schiefe Bahn geriet, die in die Justizvollzugsanstalt führte, erzählt Birnbacher in schön montierten Rückblenden. Jede für sich ist eine kleine, in bisweilen beklemmende Bilder gefasste Milieustudie: ungeschönt ausformuliert, ohne großen Erklärbär-Gestus oder erhobenen Zeigefinger. Trotzdem ist das eigentliche Ereignis weder Plot noch Komposition, sondern Birgit Birnbachers glasklare Sprache. An den Worten klebt kein Gramm Fett. Keine Formulierung wirkt bemüht, kein Satz beiläufig. Gerade daraus entwickelt dieser so unaufgeregte Roman seine beinahe unheimliche Sogwirkung. Roman Birgit Birnbacher: Ich an meiner Seite. Zsolnay, 267 Seiten, 23,70 Euro.


Kommentieren


Schlagworte