Risikoanalyse von 2012: Wenn sich Planspiel der Realität annähert

Ganz blank ist die Welt nicht, wenn Krisen wie die Coronavirus-Pandemie eintreten. Das zeigt eine beängstigend wirkende Risikoanalyse von 2012.

Symbolfoto.
© HANS KLAUS TECHT

Von Gabriele Starck

Berlin – So manch einer ersann schon wieder Verschwörungstheorien, als vor Kurzem ein Papier des deutschen Bundestags aus dem Jahr 2012 aus der Versenkung gehoben wurde. Futter dafür bietet die Annahme für ein Katrastrophenszenario: Ein fiktives Coronavirus, dem der Name Modi-SARS gegeben wird, verbreitet sich von Asien aus über die ganze Welt. Modi-Sars ist mit dem alten SARS-CoV in vielen Eigenschaften identisch. Es hat durchaus auch Ähnlichkeiten mit dem pandemischen SARS-CoV2, das derzeit die Welt lahmlegt. Doch in einigen ganz wesentlichen Dingen unterscheidet es sich stark (siehe auch Faktbox).

Bei diesem Papier handelt es sich um nichts anderes als eine Risikoanalyse. Auf deren Grundlage soll dann „eine risikoorientierte Vorsorge- und Abwehrplanung im Zivil- und Katastrophenschutz gewährleistet werden“, heißt es im Vorwort der Drucksache 17/12051 des Bundestags. Dass nun 2012 ausgerechnet ein Coronavirus für die Pandemie erfunden wurde, hat nichts mit Wahrsagerei oder Verschwörung zu tun, sondern nimmt nur Bezug auf den SARS-Ausbruch 2002/2003, der rasant um die Welt ging und 774 Menschenleben gekostet hat. Das ließ alle Alarmglocken schrillen – zu Recht, wie sich jetzt herausstellt.

Gegenüberstellung Szenario-Realität

Was mit der Realität übereinstimmt (einfach weil das allgemeine Eigenschaften von Coronaviren sind): Auslöser soll ein bei Wildtieren vorkommender Erreger sein, der über Märkte auf den Menschen übertragen wurde. Die Übertragung erfolgt meist über Tröpfcheninfektion. Bis zum Auftreten von Symptomen – Fieber, trockener Husten, Atemnot – dauert es meist drei bis fünf Tage. Der Zusammenbruch der medizinischen Versorgung und des Bestattungswesens (in Norditalien Realität). Ebenso werden die Zahlen mit und ohne Maßnahmen modelliert.

Was nicht der aktuellen Situation entspricht: Im Planspiel erkranken fast alle Infizierten, das ist bei Weitem nicht so. Das erfundene Virus macht keinen Unterschied zwischen Jung und Alt bei der Schwere der Erkrankung. Die Vorbereitung auf die Krise ist nicht möglich, weil Existenz des Virus erst wenige Tage vor erstem Fall in Deutschland bekannt wird. In der Realität war es schon lange davor bekannt. Die Fallzahlen sind im Papier extrem hoch angesetzt.

Welche Schlüsse gezogen werden: Als Mittel zur Eindämmung werden Schulschließungen und die Absage von Großveranstaltungen genannt. Die Einschränkung von Grundrechten wie das der Freiheit der Person und der Versammlungsfreiheit wird als problematisch, aber rechtlich möglich beschrieben.

In einem dürften die Experten zu optimistisch an die Sache herangegangen sein. Die Eintrittswahrscheinlichkeit geben sie mit der „Klasse C – bedingt wahrscheinlich“ an. Die 27 Seiten des 88-seitigen Papiers – die vordere Hälfte nimmt ein Schmelzhochwasser-Szenario ein – geben aber ein ungefähres Bild realer Folgen auf Gesundheitssystem und Volkswirtschaft wider. Vieles allerdings – wie die weitere Entwicklung und der Zeitpunkt, ab wann Therapien und ein Impfstoff zur Verfügung stehen werden, müsste sich erst weisen.

2012 sei es um ein Maximalszenario gegangen, „um das theoretisch denkbare Schadensausmaß mit einem hochvirulenten Erreger zu illustrieren“, erklärte das Robert-Koch-Institut auf Anfrage des Bayerischen Rundfunks. Für die aktuelle Situation sei dieses Szenario nicht geeignet. Der Pandemieplan sei seither auch schon mehrmals überarbeitet worden.

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