Virus und Video: Tiroler Heimleben in Corona-Zeiten

Während die Welt da draußen kopfsteht, ist es in den Pflegeheimen ruhig geworden. Eine Herausforderung für die Mitarbeiter und Anlass, kreativ zu werden.

„Hallo Mama!“ Christine Hendl winkt ihrer Mutter Hedwig Exenberger zu, die im ’s Zenzi in Zirl lebt und keinen Besuch empfangen darf.
© ’s Zenzi/Walder, Annaheim

Von Nicole Strozzi und Michaela S. Paulmichl

Schwaz, Innsbruck, Mühl­bachl, Zirl – Der Nachmittag wäre im Sozialzentrum SeneCura in Schwaz eigentlic­h für Besuche reserviert. Kinder, Enkerln, Freunde, sie alle komme­n normalerweis­e, um die 24 Bewohne­r des Übergangspflegeheims zu sehen und mit ihnen zu ratsche­­n. Seit dem 13. März steht das Leben aber kopf. Aufgrund der aktuellen Coronavirus-Situation sind keine Besuche mehr erlaubt.

„Wir merken aber, dass die Bewohner jemanden zum Reden brauchen, und nehmen uns deshalb extra viel Zeit für sie“, spricht Pflegeassistentin Traudi Poinsitt stellvertretend für ihre 23 Kollegen. Man wolle den Alltag für die Senioren – der jüngste ist 64, der älteste 94 Jahre – so schön und normal wie möglich gestalten.

Video-Anrufe mit den Angehörigen daheim.
© ’s Zenzi/Walder, Annaheim

Trotz all der schlechten Nachrichten gibt es auch ein positive Seite der Quarantäne. „Die Bewohner haben begonnen, sich mehr miteinander zu unterhalten. Einige Senioren lesen anderen etwas vor oder erzählen sich Geschichten aus der Vergangenheit“, sagt die Vomper­bacherin.

Die Geschehnisse und die Ausgangssperren rufen natürlich Erinnerungen an Kriegszeiten hervor. „Es bricht viel auf, nicht immer sind schöne Geschichten dabei“, erzählt die Pflegeassistentin. Mitunter werden auch Tränen vergossen. Die Pfleger versuchen daher, immer guter Dinge zu bleiben und die Menschen so gut es geht abzulenken. „Einmal haben wir Eis für die Bewohner besorgt und einen Eissalon im Aufenthaltsraum eröffnet“, lacht Poinsitt. Dabei kommen so nette Gespräche zustande. „Wir haben z. B. gefragt, ob sie sich an das erste Eis erinnern können, und eine Patientin hat erzählt, sie habe das erste Eiswaffelhörnchen in ihrem Leben weggeworfen, weil sie gemeint hat, es sei aus Karton.“

Sogar einen Manikürtag haben die einfallsreichen Mitarbeiter für die Senioren veranstaltet. Es wird gelesen, gesprochen, gebastelt und gespielt. Via Videotelefonie halten die Bewohner Kontakt mit ihren Familien. Wer kein Handy besitzt, dem hilft das Personal aus.

Auch für die Angestellten hat sich das Leben völlig geändert. Sowohl bei den Heimbewohnern als auch den Mitarbeitern wird zweimal am Tag Fieber gemessen. Die Hygienevorkehrungen müssen strikt eingehalten werden, gearbeitet wird nur noch mit Schutzhandschuhen, die Pflegekräfte arbeiten in getrennten Teams. Die Patienten, die nach Operationen, Unfällen und Krankenhausaufenthalten ins Übergangspflegeheim kommen und dort für eine gewisse Zeit Unterstützung und therapeutische Hilfe bekommen, zählen zur Hochrisikogruppe. Niemand möchte riskieren, dass sich jemand mit dem Virus ansteckt. „Wir halten auch daheim streng die Vorschriften ein. Unsere Chefin stärkt uns den Rücken. Wir können jederzeit über Ängste und Sorgen mit ihr sprechen“, sagt die Pflegeassistentin. Auch die Bewohner wissen den Einsatz zu schätzen und bedanken sich sehr oft. Sie alle seien, so Poinsitt, in dieser Krise näher zusammengerückt.

Während des Besuchsverbots versuchen Seniorenheime wie auch das Annaheim in Mühlbachl, den Kontakt nach außen aufrechtzuerhalten.
© ’s Zenzi/Walder, Annaheim

Mit den Angehörigen draußen über Videoanrufe in Kontakt zu treten, das machen die meisten der Bewohner zum ersten Mal. Viele Tiroler Seniorenheime bieten seit einigen Tagen diese Möglichkeit an. „Es ist einfach schön und berührend“, sagt Doris Feurstein, Leiterin des Notburgaheims in Innsbruck. „Viele machen sich Sorgen und fragen sich, wie es ihren Kindern und Enkeln in dieser Zeit geht, und sind erleichtert, sie sehen zu können.“

Am Telefon eine Stimme zu hören oder dabei auch ein vertrautes Gesicht vor sich zu haben, einem Menschen direkt in die Augen schauen zu können, das ist einfach etwas ganz anderes. Das ist ein großer Unterschied. Besonders für ältere, eventuell demente Menschen, sagt Pflegedienstleiterin Monika Islitzer vom Annaheim in Mühlbachl. Gesichter könnten zugeordnet werden, Worte am Telefon seien oft zu abstrakt, „da wissen manche nicht, wie ihnen geschieht“. „Wenn ältere Menschen jemanden vor sich haben, der die Lippen bewegt und spricht, können sie die Informationen besser einordnen und verarbeiten.“

Auch im Sozialzentrum ’s Zenzi in Zirl hat die strikte Besucherregelung zum Schutz der Bewohner das Heimleben verändert. „Wir haben aber die Angehörigen informiert, dass sie sich zu jeder Tages- und Nachtzeit erkundigen dürfen, wie es ihren älteren Familienmitgliedern geht“, sagt Pflegedienstleiterin Martina Laner. Umgekehrt greifen die Mitarbeiter von sich aus zum Hörer, wenn sie merken, dass einem der Bewohner eine Kontaktaufnahme gerade gut tun oder ihn auch beruhigen würde. Manche haben Schwierigkeiten zu verstehen, weshalb sie keinen Besuch mehr bekommen.

„Einige greifen von sich aus zum Telefon in ihrem Zimmer oder rufen von ihrem Handy aus an, aber wenn jemand dabei Schwierigkeiten hat, dann übernehmen wir das und halten während des Gesprächs auch den Hörer“, sagt Martina Laner. Ein Mann kann sich selbst nicht mitteilen, aber es beruhigt ihn, am anderen Ende der Leitung eine vertraute Stimme zu hören.

Die Gemeinde Zirl hat für Videotelefonate außerdem drei Tablets in Aussicht gestellt, mit denen über Skype Kontakt aufgenommen werden kann. Auf den größeren Bildschirmen sind sich die Bewohner und ihre Familien gleich noch viel näher. Laner: „Für viele Heimbewohner ist diese Technik natürlich Neuland, aber auch für die älteren Mitarbeiter, da können wir von den Jungen viel lernen! Es helfen jetzt eben alle zusammen.“

Und wenn im ’s Zenzi derzeit Bewohner zu einem der geöffneten Fenster begleitet werden, dann mitunter nicht nur, um ein paar Sonnenstrahlen zu genießen, sondern auch, um einem lieben Angehörigen da draußen zu winken.

Zahlen und Fakten

91 Wohn- und Pflegeheime gibt es laut der Arbeitsgemeinschaft Arge Altenheime in ganz Tirol. Rund 6400 Menschen finden derzeit dort ein Zuhause.

5200 Mitarbeiter sind in den Tiroler Einrichtungen beschäftigt, darunter 3750 in der Pflege. Die Versorgung der Bewohner sichern 1450 Arbeitsstellen im Wirtschaftsdienst.

Aus drei Heimen in Tirol wurden bisher bestätigte Corona-Fälle gemeldet. Betroffen sind Bewohner und Mitarbeiter. Um die älteren Menschen zu schützen, für die ein erhöhtes Risiko gilt, gibt es strenge Besuchsverbote.


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