Corona-Krise als herausfordernde Zeit in Tiroler Kinderdörfern

Keine Schule, kein Ausgang: Die jungen Bewohner der SOS-Kinderdörfer brauchen besonders viel Zuwendung.

„Jedem Kind ein liebevolles Zuhause“ ist das Motto der SOS-Kinderdörfer. Jugendliche einer Wohngruppe gestalteten dieses Graffito.
© SOS Kinderdorf

Imst, Innsbruck, Nußdorf-Debant – Jörg Schmidt leitet das SOS-Kinderdorf in Imst. Hier war man rasch von den Corona-Maßnahmen betroffen, zumal sieben Mitarbeiter aus den ersten Quarantänegebieten St. Anton und Paznauntal stammen: „Wir haben genau einen einzigen Auftrag: Wir müssen die Betreuung unserer 56 Kinder und Jugendlichen um jeden Preis sicherstellen.“ Als dann die Quarantäne auf ganz Tirol mit der Ausnahme der Arbeitswege erlassen wurde, war Schmidt erleichtert. „Um das Rad am Laufen zu halten, benötigen wir 25 bis 30 Sozialpädagogen.“ Insgesamt kann Schmidt auf 60 Personen mit (sozial-)pädagogischem Hintergrund und auf 28 unterstützende Arbeitskräfte zurückgreifen. „Damit ist es aber im Ernstfall mehrerer Positiv-Fälle nicht getan, weshalb wir einen Personalpool aufgebaut haben, quasi als Personal-Joker.“ Ehemalige Praktikanten, Bewerber und Freiwillige wurden kontaktiert und sollen im Hintergrund als „Backup“ dienen. „Und ich habe unserem Gründer Hermann Gmeiner gleich mehrere Kerzen aufs Grab gestellt, weil wir in Imst als weltweit erstes SOS-Kinderdorf von etlichen tausend Quadratmetern Grund umgeben sind. Das macht sich seit dem 13. März mehr als bezahlt, wenn die Kinder auf dem eigenen Grund Fußballspielen können.“

Was den Freiraum betrifft, ist das Osttiroler Kinderdorf in Nußdorf-Debant – hier werden rund 60 Kinder und Jugendliche betreut – nicht so gut dran. Die einzelnen Familien leben in einer Wohnanlage, die sie sich mit anderen Bewohnern teilen. „Das heißt, dass die Kinder mit ihren Betreuungspersonen unter sich bleiben müssen. Sie können nicht hinaus“, meint Leiter Guido Fuß. Trotzdem ist Fuß zuversichtlich. „Wir sind den Kindern dankbar, dass sie sich an die Regeln halten. Und einen Quarantäne-Fall gibt es bisher nicht.“ Auch all­e Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des SOS-Kinderdorfs sind vollzählig im Dienst.

Familienhilfe mit viel Fantasie

Die Ambulante Familienarbeit (AFA) ist ein Angebot des SOS-Kinderdorfs. Sie ist für Familien da, die vom Jugendamt betreut werden, und besucht dies­e zu Hause. Doch genau das ist zurzeit nicht möglich. Deshalb hat sich die AFA andere Methoden zurechtgelegt, so Tirol-Leiter Rene Huber. Dazu gehört eine virtuelle „Kaffeejause“ mit den Eltern, die über Videotelefonie abgewickelt wird. So haben die Eltern einen fixen Termin, um mit ihrem Betreuer zu sprechen. Hilf­e bei der Hausübung lässt sich ebenfalls über Videotelefonie abwickeln. Leicht ist die Lage weder für Betreuer noch für Familien, sagt Huber. „Die ständige Nähe ist für die Familienmitglieder ein zusätzlicher Stressfaktor.“ (co)

Wolfram Brugger, zuständig für den Raum Innsbruck und Innsbruck-Land, ruft in Erinnerung, dass SOS-Kinderdorf-Kinder und -Jugendliche mit erhöhtem Betreuungsbedarf umsorgt: „Wir wollen trotz der Krise unserer Schutzfunktion nachkommen und den Kindern ein sicheres und liebevolles Zuhause bieten.“ Nachdem die Schulen geschlossen wurden, kam auf das Personal in den Einrichtungen, sowohl stationär als auch mobil, erheblich mehr Arbeit zu. „Wir müssen ganz einfach funktionieren“, lässt Brugger keinen Zweifel daran, dem Versorgungsauftrag nachkommen zu wollen. „Aktuell gelingt uns das sehr gut.“ Es gelte auch, die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung zu kanalisieren: „Klar ist SOS-Kinderdorf auch auf Spenden angewiesen. Doch selbst wenn uns aktiv Hilfe angeboten wird, müssen wir darauf verweisen, dass wir in einem kritischen Bereich tätig sind, wo nur speziell ausgebildetes Personal tätig sein kann.“ Auf alle Bereiche werden weitere fordernde Wochen zukommen. „Bei uns leben Kleinkinder, die rund um die Uhr einer Aufsicht und Betreuung bedürfen. Ich bin sehr stolz auf meine Mitarbeiter, die tagsüber und auch während der Nachtdienste ihre Frau oder ihren Mann stehen“, schließt Brugger.

Insgesamt betreut SOS-Kinderdorf Tirol in Familien, Eltern-Kind-Wohnen und Wohngruppen über 200 Kinder und Jugendliche. (top, co)

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