Tiroler Krisenmanagement: Ischgl wehrt sich, Behörde unter Druck

In einer Stellungnahme ans ZDF weisen die Ischgler Touristiker den Vorwurf der Vertuschung zurück. Das „Kitzloch“ wurde erst zwei Tage später geschlossen.

Im Hotspot Ischgl herrscht jetzt Götterdämmerung.
© Thomas Boehm / TT

Von Reinhard Fellner und Peter Nindler

Innsbruck – Ein Tsunami fegt über Tirols Skiorte hinweg. Beinahe täglich gibt es Hinweise über den Umgang mit dem Coronavirus. Andererseits versucht der Tourismusverband Ischgl, die Vorwürfe zu entkräften, dass Ende Februar in einem Hotel eine Corona-Erkrankung vertuscht worden sei. Mittlerweile ermittelt auch die Staatsanwaltschaft.

So erklärt der TVB jetzt in seiner Antwort auf sechs ZDF-Fragen, dass dem Verband zu keinem Zeitpunkt vor dem Fall in der Bar „Kitzloch“ nur irgendeine Infektion oder auch nur ein konkreter Verdacht dazu zu Ohren gekommen sei. „Eine tatsächliche Infizierung hätte nur der örtliche Arzt diagnostizieren können, wobei dieser ohnehin einer Meldepflicht untersteht.“ Erst am 7. März sei man vom Land von der Virus-Erkrankung des Barkeepers informiert worden.

Von Ischgl in andere Skiorte

Dass nach Verhängung der Quarantäne die Abreise der Gäste am Freitag vor zwei Wochen zum Teil chaotisch erfolgte, sorgte bereits für ein Nachbeben. Wie jetzt berichtet wird, nützten noch Hunderte Gäste aus dem Paznaun oder St. Anton den Samstag zum Skifahren in anderen bekannten Skiorten im Oberland. Zugesperrt wurde ja erst Sonntag. Vor allem Bedienstete der Liftgesellschaften sollen darüber entsetzt gewesen sein.

Im Zillertal soll es ähnlich gewesen sein, weshalb es anhaltende Kritik daran gibt, dass Tirols Skigebiete noch bis zum 15. März geöffnet hatten.

Die britische Daily Mail brachte indessen den Flughafen Zürich ins Spiel, über den Ischgl-
Urlauber eingereist und wieder nach Hause geflogen seien. Viele von ihnen infiziert. Dadurch hätten sie Corona in alle Richtungen verteilt.

In Ischgl werden jetzt alle externen Anfragen an Vermieter kanalisiert. Und zwar bei Bürgermeister Werner Kurz. Ein Schreiben hat der Blogger Markus Wilhelm berichtet.

TVB-Geschäftsführer Andreas Steibl versteht nicht, warum bis jetzt keine Namen genannt werden. „Dann könnten wir zumindest der Sache nachgehen. Aber das ZDF verweist auf den Datenschutz.“ Was das „Kitzloch“ betrifft, wird jedoch (unbewusst) die Unterschätzung der Corona-Ausbreitung durch die Tiroler Behörden offenbart. So habe man die Après-Ski-Bar noch am selben Tag desinfizieren lassen und „den gesamten Mitarbeiterstab gewechselt“, heißt es.

Eine Infizierung hätte nur der Arzt diagnostizieren können, wobei dieser einer Meldepflicht untersteht.
Tourismusverband Ischgl

Bekanntlich erfolgte damals noch keine behördliche Schließung, vielmehr erklärte die Landessanitätsdirektion am nächsten Tag (Sonntag): „Eine Übertragung des Coronavirus auf Gäste der Bar ist aus medizinischer Sicht eher unwahrscheinlich.“ Montag gab es dann heftige Debatten, der Barbesitzer wurde aufgefordert, von sich aus zuzusperren. Dazu der TVB: „Die Schließung verlief über einen Dialog zwischen Lokaleigentümer, TVB und Gemeinde Ischgl und zwar – auch das wollen wir explizit festhalten – noch vor behördlicher Anordnung.“ Am Abend wurde das Lokal auch von der Behörde dichtgemacht.

TT-ePaper gratis testen und eines von drei E-Bikes gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Jetzt mitmachen
TT ePaper

Abschließend heißt es in der Erklärung der Ischgler, dass sie vorab auch keinerlei Verdacht hätten hegen müssen. So habe ja selbst Landessanitätsdirektor Franz Katzgraber bezüglich der Ansteckung isländischer Gäste noch am 5. März, also zwei Tage vor dem gemeldeten Ernstfall, öffentlich bekannt gegeben, dass es aus medizinischer Sicht wenig wahrscheinlich sei, dass es zu den Ansteckungen in Tirol gekommen sei. Sohin könne dem TVB Ischgl oder seinen Unternehmern „wohl denkunmöglich ein schuldhaftes Verhalten“ unterstellt werden.“


Kommentieren


Schlagworte