Schutzmasken dürften bald auch das Straßenbild in Tirol prägen

Noch immer deutliche Steigerungen bei den Infizierten. Schutzmasken für medizinisches Personal, Pflege, aber auch für die Bevölkerung. Platter hält an schärferer Verordnung fest.

In vielen Regionen Italiens gehen die Menschen nur noch mit Schutzmaske aus dem Haus.
© APA (AFP)

Von Anita Heubacher

Innsbruck – Der Höhepunkt an Infizierten ist in Tirol noch nicht erreicht. Es dürfte eher die Ruhe vor dem Sturm sein. Ohne Maßnahmen würde sich die Zahl der Infizierten jede Woche verdreifachen, erklärte Günter Weiss, Chefinfektiologe der Innsbrucker Klinik. „Das würde die Kapazitäten der Spitäler sprengen.“

Er illustrierte bei einer Videopressekonferenz des Landes gestern auch, welche Auswirkungen das Coronavirus haben kann. „Leider kommen Patienten oft erst sehr spät in die Klinik. Da ist bereits die Lunge befallen und die Patienten müssen beatmet werden.“ Zunehmend mehr Ältere und chronisch Kranke seien betroffen. 38 Menschen lagen in Tirols Spitälern gestern auf der Intensivstation. Einen Tag zuvor seien es noch 26 gewesen, warnte Landeshauptmann Günther Platter.

Die Disziplin der Tiroler ist herausragend. Sie retten damit Leben. Weiter so.
Günther Platter 
(Landeshauptmann, ÖVP)

Im Wesentlichen würden die Kranken in drei Gruppen geteilt, sagte Weiss. Die erste Gruppe klage über Fieber und Husten, der innerhalb einer Woche wieder vergehe. Bei der zweiten Gruppe gehe die Erkrankung harmlos los. Nach fünf bis sieben Tagen falle dieser Gruppe das Atmen schwer. Weiss rät hier, sofort die Hausärzte anzurufen. Die dritte Gruppe erkranke schwer und müsse zum Teil auf der Intensivstation beatmet werden. „Es ist nicht erklärbar, warum manche so milde Verläufe haben und andere schwer erkranken“, sagte Weiss. Man sei dabei, ein Risikoprofil zu erstellen.

Die Hälfte der 184 Intensivbetten in Tirols Spitälern sind belegt, nicht nur von Coronavirus-Patienten.
© Thomas Boehm / TT

LH Platter sprach gestern von einer „deutlichen Steigerung“ der Infizierten. 11.888 Tests, und damit rund ein Drittel aller in Österreich durchgeführten Tests, seien in Tirol gemacht worden. 1593 Personen sind in Tirol infiziert. An einem Tag würden bis zu 1400 Tests ausgewertet. Es gebe Personal zum Auswerten und Labors genug, erklärte Mikrobiologin Cornelia Lass-Flörl. Es fehle weltweit an Test-Sets (siehe auch Artikel unten).

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Südkorea hat durch das intensive Testen der Bevölkerung das Virus sehr gut eindämmen können. Die Krux ist, dass Infizierte nicht zu erkennen sind, weil sie oft keine Symptome haben. „Wir haben bei gesunden Personen festgestellt, dass sie Coronaviren in den Nasenschleimhäuten tragen“, berichtete Lass-Flörl.

Wir erarbeiten Richtlinien, damit die Bevölkerung weiß, wie Schutzmasken zu verwenden sind.
Cornelia Lass-Flörl
 (Mikrobiologin, Med-Uni)

Die Experten haben daher ein dreistufiges Verfahren vorgesehen. 1. Im Krankenhaus sollen alle im medizinischen Bereich eine Schutzmaske tragen. 2. Die mobile Pflege, Mitarbeiter in Alten- und Pflegeheimen und Ärzte sollen mit Stoffmasken ausgestattet werden, die man waschen und wiederverwenden kann. 3. Auch für die Bevölkerung könnten Schutzmasken, die man zwei bis drei Stunden tragen kann, ein Thema werden.

Schutzmasken bewahren Infizierte davor, das Virus durch Tröpfcheninfektion weiterzugeben, für Nicht-Infizierte sind sie daher nur indirekt ein Schutz. Man arbeite an Richtlinien für die Bevölkerung, damit Schutzmasken richtig verwendet würden, erklärte Lass-Flörl. „Schutzmasken zu verwenden, ist eine tolle Initiative, eine tolle Idee. Sie sind allerdings mit 60 oder 90 Grad zu waschen.“

📽 Video | Pressekonferenz des Landes Tirol zur Corona-Situation

In Tirols Spitälern wurden in den letzten Wochen sehr viele Operationen verschoben. Viele Ärzte hätten derzeit weniger zu tun als in Nicht-Krisenzeiten, hatte letzte Woche Kliniksprecher Johannes Schwamberger erklärt. Dadurch sind in den Spitälern Kapazitäten freigespielt worden. Sowohl an Betten als auch an Personal. Von den 184 Intensivbetten sei derzeit die Hälfte belegt, erklärte Weiss. „Es sind immer auch die anderen Patienten mitzudenken, nicht nur die Corona-Fälle.“ LH Platter verwies auf die eingerichteten Notquartiere. 1200 Betten würden in Hotels und umfunktionierten Privat- und Reha-Kliniken zur Verfügung stehen.

Alleine spazieren zu gehen oder allein zu joggen birgt kein Infektionsrisiko.
Günter Weiss (Infektiologe, Direktor Innere Medizin II)

Neben der Gesundheit waren auch die Ausgangsbeschränkungen bei der Pressekonferenz ein Thema. Platter hält an den umfangreichen Maßnahmen in Tirol fest. Tirol ist mit seinen Ausgangsbeschränkungen strenger als die Bundesregierung. Dies sei nötig, weil die Betroffenheit größer sei, erklärte Platter. Deutschland, die Schweiz und Schweden gehen einen anderen Weg als Österreich. Deutschland und die Schweiz setzen auf ein Kontaktverbot. Menschen müssen Abstand halten, dürfen aber aus dem Haus gehen, um zu sporteln oder spazieren zu gehen. Platter hält allerdings nichts von einem Kontaktverbot. Er glaubt, dass die Nachbarn nachziehen werden. „Deutschland hat mit seinen Maßnahmen erst begonnen“, erklärte er.

Aus medizinischer Sicht ist umstritten, inwieweit ein Joggingverbot oder das Aus für ausgedehnte Spaziergänge sinnvoll sind. „Für die Psyche ist beides gut“, befand Infektiologe Weiss. Es gehe darum, keine gefährlichen Sportarten auszuüben, um Unfälle zu vermeiden. „Alleine spazieren zu gehen oder allein zu joggen birgt kein Infektionsrisiko.“

Tirol bleibt also strenger als der Bund und Innsbruck strenger als Resttirol. In der Landeshauptstadt sind Spazierwege beispielsweise entlang des Inns gesperrt.


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