Woody Allen: Probleme mit dem dritten Akt

Kaum Neues in launigem Parlando: In seiner Autobiografie „Ganz nebenbei“ wehrt sich Woody Allen gegen den Vorwurf, er habe seine Tochter sexuell missbraucht.

Woody Allen und seine langjährige Partnerin Mia Farrow in „Broadway Danny Rose“ (1984). Die Trennung des Paares führte 1992 zu einem öffentlich ausgetragenen Sorgerechtsstreit
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Von Joachim Leitner

Innsbruck –„Was schert mich mein Vermächtnis?“, fragt Woody Allen. Und er stellt fest, dass er nicht in den Herzen der Menschen weiterleben will, sondern in seinem New Yorker Apartment. Dort hat er seine – nun unter dem Titel „Ganz nebenbei“ auch auf Deutsch vorliegenden – Memoiren zu Papier gebracht. Und die beweisen dann doch ein Stück weit das Gegenteil: Niemand, dem die Meinung anderer egal ist, setzt sich hin und schreibt fast 500 Seiten über sein Werden, Werken und über das, was ihn daran nach wie vor wundert. Zumal Allen gute Gründe hat, sich um sein Erbe zu sorgen.

In mehr als 50 Jahren und ebenso vielen Filmen ist es ihm als Regisseur, Autor und (Selbst-)Darsteller gelungen, wenn nicht zum Gütesiegel, so doch zur Marke zu werden. Doch diese Marke gilt mittlerweile vielen als kontaminiert: Allen steht auf Hollywoods neuer schwarzer Liste. Sein letzter Film kam in den USA nicht mehr ins Kino. Ein Millionen-Vertrag mit Amazon platzte. Selbst Stars, die noch vor Kurzem für die Mindestgage vor Allens Kamera standen, baten öffentlich um Abbitte. Sie hätten ja nicht gewusst, was seit drei Jahrzehnten bekannt ist.

Mia Farrow, Allens langjährige Lebensgefährtin, bezichtigte den Filmemacher 1992, sich an seiner damals siebenjährigen Adoptivtochter Dylan vergangen zu haben. Allen dementierte. Juristisch geklärt wurden die Vorwürfe nie. Es steht Aussage gegen Aussage.

Sorgerechtsstreit in aller Öffentlichkeit

Den Missbrauchsvorwürfen gegen Allen ging ein Familienzerwürfnis Shakepeare’schen Ausmaßes voraus: Allen und Farrow, dreizehn Jahre lang ein Paar, haben zwei Adoptivkinder (Dylan und Moses) und den leiblichen Sohn Ronan. Dann verliebte sich Allen in Soon-Yi Previn, Farrows Adoptivtochter aus früherer Ehe – und begann eine Affäre mit der damals 20-Jährigen. Inzwischen sind Allen und Soon-Yi seit 23 Jahren verheiratet.

All das ist bekannt. Auch der Sorgerechtsstreit zwischen Allen und Mia Farrow fand in der Öffentlichkeit statt. Trotzdem erzählt er das alles nun in launigem Parlando nach. Auch, wie es zum Missbrauchsvorwurf gekommen sein könnte. Er sei das Opfer eines „Rachefeldzugs“, schreibt er. Mia Farrow wollte ihn vernichten – und ein ereignisloser Nachmittag ermöglichte ihr das. Denn, darauf beharrt Allen: Es ist nichts passiert. Und das vor mehreren Zeugen. Aber „nichts“ reicht, wenn der Furor richtig lodert. Allen jedenfalls fühlt sich wie in einer Kafka-Erzählung. Oder wie der weiße Wal, dem Kapitän Ahab nachstellt.

Spätestens hier wird der Ton der Erzählung ihrem Inhalt nicht mehr gerecht. Allens Argumente für seine Unschuld sind nicht unplausibel, trotzdem kippen sie durch die bemühte Beiläufigkeit, mit der er sie als Pointen serviert, in zynische: Sollten die Anschuldigungen stimmen, sei er ein ungeschickter Kinderschänder, schreibt er. Wie sonst lasse sich erklären, dass er das, was er nicht tat, ausgerechnet in einem Moment gemacht haben soll, als er im Zentrum einer viel beachteten Schlammschlacht stand. Wie gesagt: nicht unplausibel. Aber eben auch die Verhöhnung seines mutmaßlichen Opfers. Weder Missbrauch noch Missbrauchsvorwürfe taugen zur Comedy-Nummer. Kurzum: Zur Causa selbst trägt der Autobiograf Allen wenig Neues bei. Was ihm allerdings durchaus bewusst ist. Aus dramaturgischen Gesichtspunkten habe die Geschichte, in der es durchaus schöne Passagen übers Kino, komische Tanten und berühmte Bekanntschaften gibt, „Probleme im dritten Akt“, schreibt er.

Autobiografie

Woody Allen: Ganz nebenbei

Rowohlt, 445 S., 25,70 Euro.

Von denen versucht Allen durch Gegenangriffe abzulenken. So soll sein Sohn Ronan Farrow kritische Artikel über seine Mutter Mia und deren wohl etwas eigenwillige Erziehungsmethoden verhindert haben. Der Vorwurf hat es in sich. Schließlich ist Ronan Farrow nicht irgendwer. Seine Recherchen über Harvey Weinstein stießen die #MeToo-Bewegung an. Sollte auch er ein Heuchler sein, der tat, was er bei anderen mit großem Furor beklagte? Woody Allen deutet es an – und sagt: „So läuft das eben.“ Darüber, wie es in der Scheinwelt des Showbiz so läuft, erfährt man in „Ganz nebenbei“ einiges. Aber, wenn man ehrlich ist: Auch das hat man schon davor gewusst.


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