Allgemeinmediziner Loewit: Corona als möglicher Nachteil für andere Patienten

Frei gehaltene Spitalsbetten, geschlossene Ambulanzen: Warum die Corona-Maßnahmen negative Auswirkungen auf andere Patienten haben könnten und warum man nicht zu große Angst vor dem Virus haben sollte, erklärt Allgemeinmediziner Günther Loewit.

In den Spitälern werden derzeit Betten für mögliche Corona-Patienten freigehalten.
© iStockphoto

Eine an der Hüfte operierte 80-Jährige wird wenige Tage nach dem Eingriff aus dem Spital entlassen, um Betten für Corona-Patienten freizuhalten. Was folgende Frage erlaubt: Könnten die Maßnahmen gegen Corona möglicherweise mehr Menschenleben kosten als Corona selbst?

Günther Loewit: Ich beobachte derzeit, dass die Hilfe für Corona-Patienten einen möglichen Nachteil für andere Patienten mit sich bringt. Da sprechen wir z. B. von Menschen, die nach einer großen Operation oder nach einem Unfall keine entsprechende Reha bekommen. Das kann zu deutlichen Funktionseinschränkungen führen und vor allem bei Hochbetagten und Risikopatienten auch lebensverkürzende Folgen haben. Vor allem in diesen Fällen werden Ressourcen für Covid-19 Patienten von woanders weggenommen, was individuelle Nachteile nach sich ziehen kann. So z. B. haben die Spitäler um meine Praxis in Marchegg in Niederösterreich ihr übliches Programm drastisch zurückgefahren: Da gibt es etwa keine Diabetesambulanz mehr oder auch keine Schrittmacherambulanz.

In Ihrer Praxis haben Sie auch immer wieder mit Menschen zu tun, die sehr große Angst vor dem Virus haben. Wie versuchen Sie, diese Angst zu verringern, und was kann derartiger Stress bedeuten?

Günther Loewit. Der gebürtige Innsbrucker praktiziert als Landarzt in Marchegg (NÖ). Er hat das Buch „7 Milliarden für nichts. Ein Landarzt rechnet mit dem Gesundheitssystem ab“ geschrieben.
© Pixelkinder.com

Loewit: So viel steht fest – Angst schwächt das Immunsystem und macht Patienten noch anfälliger für Infektionen. Angst ist aber auch nie ein guter Ratgeber und vor allem in diesem Fall gilt es sich die Fakten gut vor Augen zu führen. In Österreich wurden bislang ca. 80 Corona-assoziierte Tote registriert. Wobei wir nicht wissen, ob diese mit dem Virus infizierten Menschen wirklich ausschließlich an Corona verstorben sind oder an einer anderen Erkrankung. Allerdings versterben in Österreich im Schnitt jeden Tag 220 Menschen. Dagegen erscheint die Zahl der Covid-19-Opfer noch verschwindend. Sprich: Die Wahrscheinlichkeit, an Corona zu sterben, ist außerhalb der Risikogruppe derzeit sehr gering. Diesbezüglich versuche ich meine Patienten aufzuklären.

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Trotzdem herrscht große Angst. Wie erklären Sie sich das?

Loewit: Zum einen, weil wir jeden verstorbenen Corona-Toten quasi ins Wohnzimmer holen. Zum anderen, weil uns die Medizin jahrelang weisgemacht hat, dass sie fast alles reparieren kann. Und plötzlich taucht da ein Virus auf, gegen das sogar die Medizin machtlos scheint. Das verunsichert, der Mensch fühlt sich alleingelassen.

Andere Länder, wie z. B. Schweden, gehen einen anderen Weg. Sie schützen vor allem die Hochbetagten und Risikogruppen. Ein guter Weg? Oder anders gefragt: Sind die in Österreich bzw. in Tirol gesetzten Maßnahmen zu drastisch?

Loewit: Die hierzulande gesetzten Maßnahmen halte ich prinzipiell für sinnvoll. Ob alles richtig und perfekt war, wird man allerdings erst im Nachhinein feststellen können. Generell geht es um die Verlangsamung der Ausbreitung des Virus und das scheint zu gelingen. Schweden geht einen anderen Weg und schützt vor allem die Hochbetagten und Multimorbiden. Das könnte möglicherweise bei uns als Maßnahme nach dem 13. April ein Thema sein.

Was raten Sie Menschen in diesen Tagen?

Loewit: Sie sollen auf ihr seelisches Wohlbefinden achten und die Relation zum großen Ganzen nie aus den Augen verlieren. Dann schaut die Sachlage gleich nicht mehr so bedrohlich aus. Oder anders gesagt: Fürchtet euch nicht! Denn die individuelle Gefahr, als junger Mensch und ohne Vorerkrankung daran zu sterben, ist nicht größer als während einer Influenzawelle. Corona war bislang fast nur für Menschen über 65 mit Krebs-, Herz-, Lungen- und anderen Vorerkrankungen tödlich.

Sie haben unlängst ein Buch geschrieben, in dem Sie u. a. die Entwicklungen im Gesundheitssystem kritisieren. In einem Interview haben Sie gesagt, dass der Hausverstand verloren gehe. Geht auch in Sachen Corona mitunter der Hausverstand verloren?

Loewit: Als Hausarzt vermisse ich den Hausverstand schon ein wenig. Warum z. B. dürfen Hausärzte keinen Corona-Test durchführen? Immerhin haben sie eine Schlüsselfunktion in diesem System inne.

Das Gespräch führte Irene Rapp


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