Zahlreiche Firmen rüsten um: Tiroler bieten der Krise die Stirn

Gesichtsmasken statt Matratzen und Handtaschen, Desinfektionsmittel statt Schnaps und Putzmittel, Plexiglas-Schutzscheiben statt Leuchten: Zahlreiche Tiroler Firmen haben Corona-bedingt umgerüstet.

Kathrin Wex näht, Sohn Jakob assistiert.
© Tiroler Firmen

Von Liane Pircher, Michaela Spirk- Paulmichl, Peter Hörhager und Irene Rapp

Innsbruck – Vor Corona produzierte die Zillertaler Firma „Betten Eberharter“ Matratzen, Schlaf- und Liegemöbel. Seit dem 19. März ist jedoch alles anders. Eine Firma fragte an, ob man auch Schutzmasken produzieren könne. „Können wir“, sagte Geschäftsführer Roman Eberharter.

Roman Eberharter mit den von seiner Firma produzierten Masken.
© Betten Eberharter

Seitdem laufen neben der eingeschränkten Produktion von Matratzen die Nähmaschinen in Sachen Nasen-Mund-Masken heiß. Zehn der rund 50 Mitarbeiter seien damit beschäftigt, die aus Baumwolle (kochfest, wiederverwendbar) bestehenden Teile zu nähen. Auch die Stoffe bzw. Bänder dazu würden von Tiroler Firmen geliefert.

„Die Nachfrage steigt ständig. Derzeit haben wir rund 50 Kunden in Tirol, die wir beliefern“, schildert Eberharter. Zahlreiche Arbeitsplätze konnten so gesichert werden, inzwischen gebe es auch eine Zusammenarbeit mit der Innung der Tiroler Tapezierer, um der steigenden Nachfrage Herr zu werden.

„Das ist eine Stärke der klein- strukturierten Unternehmen in Tirol. Sie reagieren flexibel und innovativ“, kann Eberharter dem Ganzen daher auch etwas Positives abgewinnen. Und noch etwas sei zu beobachten: „Ich merke bei vielen Gesprächen mit unseren Kunden, dass durch diese Krise Regionalität wieder ein großes Thema geworden ist.“

Ich bemerke bei Gesprächen, dass Regionalität wieder Thema geworden ist.
Roman Eberharter („Betten Eberharter“)

Eigentlich auf das Entwerfen von hochwertigen Handtaschen spezialisiert, hat sich auch Designerin Monika Brée der Firma Monbrée zu einer neuen Idee hinreißen lassen: Sie näht seit wenigen Tagen Unikate von Atemschutzmasken aus originellen, speziellen Stoffen – auf Wunsch mit einer individuellen Botschaft. Man liest etwa „F*ck“, „Hope“ oder „Kiss me“. Ein Teil des Erlöses spendet sie an Ärzte ohne Grenzen, die an italienischen Kliniken helfen: „Meine Masken sollen helfen und gleichzeitig ein aufmunterndes, kreatives Augenzwinkern in schwierigen Zeiten sein“, sagt die in Mieming lebende Designerin dazu.

Meine Masken sollen ein aufmunterndes, kreatives Augenzwinkern in schwierigen Zeiten sein.
Monika Brée (Designerin)
Botschaften in schwierigen Zeiten gibt es von M. Brée.

Ihre Nähmaschine nach Jahren des Stillstands aktiviert hat auch Bärbl Kathrein: „Ich habe sie lange nicht mehr benutzt – jetzt habe ich sie wieder rausgeholt“, lacht sie. Sie ist eine von 150 Frauen aus dem Großraum Schwaz, die jetzt eine besondere Heimarbeit leisten: Sie nähen Schutzmasken. Die Idee dazu hatte die Chefin des Eltern-Kind-Zentrums Schwaz, Regina Hamberger, in Peter Geiger fand sie einen kompetenten Partner.

Ich hätte nie gedacht, einmal Schutzmasken zu produzieren. Ich bin begeistert über so viele Freiwillige.
Peter Geiger (Firma Geiger)

„Ich hätte nie gedacht, einmal Schutzmasken zu produzieren. Ich bin begeistert, dass sich so viele Freiwillige beteiligen und die Produktion super anläuft“, freut sich Firmenchef Peter Geiger.

Mit der Idee wurde eine ganze Welle der Hilfsbereitschaft losgetreten. Aufrufe über soziale Medien lösten ein ungeheures Echo aus. Der Zuschnitt erfolgt bei der Firma Geiger, die dafür einen speziellen, zertifizierten Stoff einsetzt. Freiwillige sowie Mitarbeiter der Stadt Schwaz stellen die Zuschnitte samt Nähanleitung zu und holen die fertige Ware ab.

Von Schnaps auf Desinfektionsmittel umgestiegen ist Michael Flunger.

„Die Firma Geiger bezahlt die Arbeitsleistung der Näherinnen dem EKiZ. Mit diesen Einnahmen können wir in Not geratenen Menschen helfen“, fasst Regina Hamberger die Aktion zusammen. Das Ziel ist ein hochgestecktes: 25.000 Stück wollen die Frauen nähen.

Anders beteiligt sich der mehrfach ausgezeichnete Edelbrandsommelier Michael Flunger aus Mötz an einer besseren und gemeinsamen Bewältigung der Corona- Krise: Statt Edelbränden und Gin stellt er nun Desinfektionsmittel her: „Nachdem es immer wieder Anfragen aus dem Bekanntenkreis gegeben hat, dachte ich mir, dass ich damit helfen könnte, wenn es jetzt überall Engpässe bei Desinfektionsmitteln gibt“, sagt er.

Die Herstellung erfolgt mittels Ethylalkohol (96 Prozent) und nach strenger Rezeptur der WHO. Das hochwertige Desinfektionsmittel in handlichen Fläschchen soll auch in Altenheimen verteilt werden.

Weitere Produkte zur Desinfektion gibt es von Hollu.
© Tiroler Firmen
Das ist eine riesige Herausforderung. Wir müssen jetzt alle an einem Strang ziehen.
Simon Meinschad (Firma Hollu)

Auf Hochtouren läuft die Herstellung von Desinfektionsprodukten auch bei Hollu in Zirl. Die Produktion wurde um 70 Prozent erhöht, während andere Bereiche zurückgefahren werden mussten. Das Unternehmen ist auf das Angebot von Reinigungsmitteln und Pflegeprodukten spezialisiert. Durch die Schließungen in der Hotellerie und Gastronomie, aber auch öffentlicher Einrichtungen wie Schulen ist dieser Markt eingebrochen. Geschäftsführer Simon Meinschad spricht von einer „riesigen Herausforderung für ein Familienunternehmen“. Als Systemerhalter für das Gesundheitswesen gehöre Hollu aber wiederum zu jenen, die in dieser Zeit dringend gebraucht würden.

Und so ist derzeit alles darauf ausgerichtet, der „extrem großen“ Nachfrage gerecht zu werden, allein im März wurden 39 Tonnen Händedesinfektionsmittel hergestellt. „Wir müssen jetzt alle an einem Strang ziehen“, sagt Firmenchef Meinschad. Ein Problem seien allerdings Lieferengpässe bei Rohstoffen.

Schnell reagiert hat auch Walter Norz, Gründer und Geschäftsführer von Prolicht, Hersteller architektonischer Leuchten und von Beleuchtungskonzepten mit Firmensitz in Götzens. Innerhalb von nur einer Woche wurde ein derzeit sehr gefragtes Produkt entwickelt und ein Prototyp für Schutzscheiben aus Plexiglas realisiert, durch die Unternehmen ihre Mitarbeiter und Kunden vor einer Ansteckung durch Viren schützen können. „Es war die Idee eines Mitarbeiters, dessen Freundin in einer Apotheke arbeitet. Dort wurden diese Spuckschutzscheiben benötigt“, sagt Norz.

Prolicht bietet Schutzscheiben.
© Armin Kuprian

„Unser Vorteil ist unser großer Maschinenpark und ein riesiges Lager, dadurch sind wir nicht auf Lieferanten angewiesen und können unser Glück selbst in die Hand nehmen. Wir können schnell produzieren, liefern und die Scheiben auch anpassen.“ Die Nachfrage sei „extrem groß“, Kunden sind neben Apothekern auch Ärzte, Tankstellenbetreiber oder Bäckereien. Norz geht davon aus, dass durch diesen Schutz bald auch andere systemrelevante Betriebe wie Optiker wieder öffnen werden können.

Um die Mitarbeiter zu schützen, wird in zwei Schichten gearbeitet und regelmäßig Fieber gemessen. Der Firmenchef ist überzeugt, diese Krise „mit einem blauen Auge zu überstehen“. Neben der Produktion der Schutzgläser geht der weltweite Leuchtenverkauf weiter, außerdem ist ein Kreativteam damit beschäftigt, weitere Ideen zu entwickeln. Im Gegensatz zu Ländern, in denen alles stillsteht, sei man froh, arbeiten und forschen zu können, unter anderem an einem System, das Raumluft reinigt und sogar Viren vernichten soll.

Unser Lager ist riesig, so können wir unser Glück selbst in die Hand nehmen.
Walter Norz (Firma Prolicht)

Unentbehrlich ist in vielen Bereichen derzeit auch ein weiteres Produkt, das zwei kleine Unternehmen aus Oberndorf gemeinsam entwickelt haben: Die wiederverwendbare Spuckschutzmaske wurde bereits an Krankenhäuser und Ärzte ausgeliefert. Beteiligt ist die Firma 3D-Druck Hechenberger in enger Kooperation mit LR Laser Raum OG.

„Alles hängt von der Verfügbarkeit der Rohstoffe ab, der Markt für Kunststoffe ist derzeit ausverkauft“, sagt Andreas Bombek, Geschäftsführer von LR Laser Raum. Doch es gibt bereits Zusagen für weitere Lieferungen. Aktuell werden 40 Stück am Tag produziert, Ziel ist die Herstellung von bis zu 200 Spuckschutzmasken. Parallel dazu wird ein zweites Modell entworfen, von dem bis zu 1000 Stück täglich produziert werden sollen. Um das medizinische Personal zu unterstützen, werden die Masken zum Selbstkostenpreis angeboten.


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