Buchhandel: „Es gibt keine großen Reserven“

Wie geht die Literaturbranche mit der Corona-Krise um? Die TT hat beim Innsbrucker Verleger und Buchhändler Markus Hatzer nachgefragt.

Markus Hatzer leitet die Verlage Haymon und Löwenzahn.
© Thomas Böhm

Von Joachim Leitner

Innsbruck –Beim Online-Gemischtwarenladen Amazon haben sich die Prioritäten mit Beginn der Corona-Krise verschoben. Der Buchversand, mit dem das Unternehmen sein erfolgreiches Geschäftsmodell einst begann, wurde radikal zurückgefahren. Die noch vorrätigen Titel werden verkauft. Nach- und Neubestellungen gibt es aber nicht. Amazon setze nun auf Waren des täglichen Bedarfs, teilt das Unternehmen offiziell mit. Der Innsbrucker Verleger Markus Hatzer formuliert es weniger glatt: „Amazon hat sofort auf Produkte umgeschaltet, von denen es sich jetzt noch größere Umsätze erwartet. Dadurch zeigt sich deutlich: In Seattle drückt jemand auf einen Knopf und wir alle spüren die Folgen.“

Doch Amazons Umdenken und die dadurch entgangenen Einnahmen sind nur ein Punkt, der Hatzer derzeit umtreibt. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Verbreitung haben das Buchgewerbe mit voller Wucht getroffen. Die Buchhandlungen sind seit gut drei Wochen geschlossen, Lesungen und Literaturfestivals wurden abgesagt. „Von einem Tag auf den anderen ging der Umsatz um gut 90 Prozent zurück“, sagt der Leiter der Innsbrucker Verlage Haymon und Löwenzahn. So eine Situation werde schnell existenzbedrohend. Zumal die Wertschöpfung in der Literaturbranche alles andere als hoch sei: „Es gibt keine großen Reserven, mit denen man ein Unternehmen länger über Wasser halten kann“, sagt er – und stellt klar: „Ohne massive staatliche Hilfe für Verlage, den Buchhandel und Autorinnen und Autoren wird die Situation nicht zu bewältigen sein.“

Oberstes Ziel sei es derzeit, alle Arbeitsplätze zu erhalten. Seit Mitte März haben Haymon und Löwenzahn auf Kurzarbeit umgestellt – die Programme für den literarischen Herbst entstehen im Home-Office. „Das funktioniert bisher sehr gut“, sagt Hatzer. Verschiebungen von bereits angekündigten Titeln soll es nur in Ausnahmefällen – etwa wenn Bücher im Zusammenhang mit Veranstaltungen stehen – geben. Gerade beim auf Ratgeber, Sach- und Kochbücher spezialisierten Löwenzahn-Verlag sei es wichtig, dass die Bücher jetzt erscheinen: „Denn gerade jetzt werden sie gebraucht.“

Ohne massive staatliche Hilfe wird die Situation nicht zu bewältigen sein.
Markus Hatzer
(Verleger)

Auch der Bedarf an Literatur sei fraglos hoch. Und die Lieferkette vom Verlag über Barsortimenter zu Buchläden und letztlich zu den Leserinnen und Lesern funktioniert. Wobei gerade Buchhändler derzeit Erstaunliches leisten, wie Hatzer, der selbst die Buchhandlung Haymon betreibt und Teilhaber der Wagner’schen ist, sagt. „Besonders engagierte Händler schaffen es derzeit unter enormem Aufwand trotz geschlossener Geschäfte, die Hälfte des normalen Umsatzes zu machen.“ Hier sieht der Verleger auch eine Chance für die Zeit nach der Krise: „Ich glaube, dass die Bindung zu lokalen Anbietern gestärkt wird – und davon profitieren alle: Buchhändler zahlen ihre Steuern in Österreich, sie bilden Lehrlinge aus – und können, davon bin ich überzeugt, ein Faktor für die Lebensqualität in einem Ort sein.“ Auch deshalb hoffe er darauf, dass die Buchläden bald wieder öffnen können.

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Die Befürchtung, dass die Aufmerksamkeit für Literatur in Tagen der Krise sinkt, gibt es trotzdem: Veranstaltungen mit Büchertischen fehlen, der Raum für Literaturberichterstattung in etablierten Medien, egal ob Fernsehen, Radio oder in Zeitungen, wird kleiner. Verlage kämpfen derzeit mit verschiedenen Hashtags und Online-Videos um virtuelle Sichtbarkeit. Bei Haymon werde inzwischen das Format der „Badewannenlesung“ erprobt, sagt Markus Hatzer. Autorinnen und Autoren, aber auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Verlags präsentieren Texte und Bücher in ihren eigenen Badezimmern. Ein erstes Video ging am Wochenende online. „Gerade für Autoren ist die derzeitige Situation hart. Viele arbeiten unter prekären Bedingungen und jetzt fallen auch Auftritte als wichtigste Einnahmequelle aus. Deshalb bemühen wir uns derzeit, ihnen wenigstens online Aufmerksamkeit zu ermöglichen.“


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