Zwei neue Romane von Sophie Reyer

„Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Vater mit seinem Kind...“ und „Es waren zwei Königskinder, die hatten einander so lieb. Sie konnten zusammen nicht kommen, das Wasser war viel zu tief.“ Goethes düsteren „Erlkönig“ kennt man ebenso wie das alte Volkslied von den tragisch Liebenden. Die beiden bekannten Passagen sind zentrale Motive in zwei neuen Romanen von Sophie Reyer.

Die 35-jährige Wienerin ist die Dauerschreiberin unter den österreichischen Autorinnen und Autoren. Und doch gleicht kaum ein Buch dem anderen. Das gilt auch für ihre beiden Neuerscheinungen „Das stumme Tal“ und „Zwei Königskinder“. Beide erfüllen die Erwartungen des Genres voll und ganz. „Das stumme Tal“ ist ein historischer Kriminalroman, der seine düsteren Bilder so gekonnt ausmalt, dass man ihn förmlich bereits auf der Leinwand sieht; „Zwei Königskinder“ ist dagegen ein Coming-of-Age-Roman, die Geschichte einer unerwiderten lesbischen Liebe zwischen zwei Freundinnen, in der die Gefühlswirren der Pubertät auf strenge religiöse Erziehung treffen.

Die Hauptfigur in beiden Büchern ist jeweils ein Mädchen. Amelia ist drei Jahre alt, als sie - als einzige Überlebende - miterleben muss, wie in einem Tiroler Bergdorf ihre Großmutter, ihre Mutter und ihre Geschwister ermordet werden und der Bauernhof anschließend angezündet wird. Sie ist die Hauptbelastungszeugin in einem Aufsehen erregenden Mordprozess, ohne tatsächlich beschreiben zu können, was sich ereignet hat. Für „Das stumme Tal“ hat Sophie Reyer einen wahren Kriminalfall des Jahres 1889 als Vorbild genommen und wechselt immer wieder aus der erzählerischen Gegenwart der mittlerweile 30-jährigen Frau, die die schrecklichen Geschehnisse von einst verdrängt hat, in die Vergangenheit des Verbrechens.

In „Zwei Königskinder“ verliebt sich die 13-jährige Käthe in die etwas ältere Johanna, die als Schlankere und Hübschere der beiden auch mehr Erfolg beim gemeinsamen Musicalkurs hat. Um sie nicht zu verlieren, entwirft Käthe einen Sabotageplan, der die Karriere der Freundin vereiteln soll. Der Plan geht auf - und scheitert dennoch.

TT-ePaper testen und eine von 150 Jahres-Vignetten gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Mit ihren zwei im Vorjahr erschienenen Romanen „Die Freiheit der Fische“ und „Mutter brennt“ (im Finale des österreichischen Buchpreises schließlich Norbert Gstreins „Als ich jung war“ unterlegen) hatte Sophie Reyer auch sprachlich viel gewagt und gewonnen. Mit ihren zwei neuen Büchern begnügt sie sich dagegen vor allem, die Sujets auf die Schiene zu bringen. Sind die Schienen einmal verlegt und nehmen die Geschichten Fahrt auf, geht es recht zügig und ohne allzu große Überraschungen Richtung Fahrtziel.

Als Autorin hat Reyer schon bewiesen, dass sie deutlich mehr kann, als Erwartungen zu erfüllen. Gut möglich aber, dass sie dennoch den Grundstein zu ihrem bisher größten Erfolg gelegt hat. Dann nämlich, wenn sich - nach überstandener Corona-Krise - die heimische Filmbranche nach interessanten neuen Stoffen umsieht. Für Andreas Prochaska oder Marvin Kren etwa sollte „Das stumme Tal“ auf jeden Fall eine Überlegung wert sein.


Kommentieren


Schlagworte