Nach Ende der Vollquarantäne: Ein Hauch von Freiheit und Normalität in Tirol

Innpromenade, Parks und Spazierwege waren gestern gut besucht, die Menschen waren noch etwas verhalten und vorsichtig. Auch Skitourengeher und Mountainbiker wagten sich vereinzelt wieder ins Gelände.

Auf der Innpromenade tummeln sich Spaziergänger, Jogger und Radler.
© Vanessa Rachlé

Von Denise Daum

Innsbruck –„Mama, Mama, schau, was ich kann.“ Ein kleiner Bub macht einen etwas missglückten „Purzigagel“ auf einer Wiese im Rapoldipark. Die Mutter sitzt währenddessen daneben im Gras und behält auch ihre fünfjährige Tochter im Auge, die auf einem bunten Fahrrad kleine Runden dreht. Ein paar Meter weiter spielen vier junge Leute in kurzer Hose und T-Shirt eine Runde Spikeball. Auf einer Bank bei dem kleinen Teich in der Mitte des Parks sitzt eine junge Frau entspannt auf einer Bank, vertieft in ein Buch. Am Teichrand liegt ein Pärchen Hand in Hand, beide recken ihre Gesichter in die Sonne.

📽 Video | Ende der Vollquarantäne in Tirol: Das ist wieder erlaubt

Gestern Dienstag wurde die vom Land Tirol erlassene Quarantäne für alle Gemeinden aufgehoben – bis auf St. Anton, Sölden und das Paznaun. Damit gilt nun auch in Tirol „nur mehr“ die bundesweite Ausgangsbeschränkung. Für die Tirolerinnen und Tiroler bedeutet das einen Hauch von Freiheit nach 19 Tagen in totaler Isolation. Damit darf wieder Sport im Freien ausgeübt und die Gemeindegrenze überschritten werden. Die Stadt Innsbruck hob die Sperre ihrer Parks, der Innpromenade sowie der Wander-Parkplätze auf.

Während es am Vormittag in Innsbruck noch relativ ruhig war, füllten sich ab den Mittagsstunden vor allem die Parks sowie die Innpromenade. Viele Eltern nutzten die neue Freiheit, um mit ihren Kindern eine Radtour zu unternehmen. Zudem waren zahlreiche Jogger und Spaziergänger unterwegs, großteils allein oder zu zweit. Die Menschen auf der Promenade und den Spazierwegen wirkten noch etwas zurückhaltend und verhielten sich umsichtig. Der überwiegende Teil hielt den nach wie vor vorgeschriebenen Mindestabstand von einem Meter zu Fremden ein.

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Ein fast normaler Tag im Frühling in Innsbruck: Im Rapoldipark wird geklettert ...
© Vanessa Rachlé
... und gespielt.

Auf der Hungerburg und den Wanderwegen der Nordkette blieb der große Ansturm gestern aus. „Wir haben damit gerechnet, dass wir überrannt werden, aber es ist eher ruhig“, sagt ein alteingesessener Hungerburgler. Er selbst zeigt sich erleichtert darüber, dass er nun wieder ausgedehnte Wanderungen mit seinem Hund unternehmen kann.

Eine „narrische Freud“ über das Ende der Quarantäne hat auch eine Pensionistin aus dem O-Dorf, die auf einem Spazierweg im Osten der Stadt unterwegs ist. „Ich habe hart darauf gewartet, wieder länger raus zu dürfen. Endlich kann ich mich frei bewegen, ohne Angst haben zu müssen, gleich von der Polizei kontrolliert und heimgeschickt zu werden“, sagt die 72-Jährige. Aber man müsse natürlich vorsichtig sein und den Abstand zu den anderen einhalten, mahnt sie.

Manfred Dummer
© Polizei

Erfreut über die neuen Möglichkeiten zeigt sich auch ein Vater, der mit seinem neun Monate alten Sohn im Tragetuch am Inn entlangspaziert. „Wir haben keine Riesenwohnung und nur einen kleinen Balkon, da ist uns in den vergangenen Tagen schon die Decke auf den Kopf gefallen“, sagt der Innsbrucker.

Generell zeigt sich im Gespräch mit den Menschen, dass sowohl die Geduld als auch das Verständnis für die Sonderbestimmungen in Tirol in den vergangenen Tagen immer mehr schwand. Die Sehnsucht nach Bewegung und Aufenthalt im Freien war groß.

Wir bitten die Bevölkerung auf Risikosport zu verzichten. Dagegen vorgehen können wir nicht mehr.
Manfred Dummer (Polizei)

Mit der neuen Freiheit scheinen die meisten gut umgehen zu können. Elmar Rizzoli, Leiter des Sicherheitsamts in der Stadt Innsbruck, erreichten gestern keine Meldungen über ausuferndes Verhalten. „Gehäuft haben sich allerdings die Anrufe von Landwirten, die sich darüber beschwerten, dass die Leute kreuz und quer über die Felder marschieren. Das ist bitte zu unterlassen, es schadet der Vegetation“, sagt Rizzoli.

Vereinzelt waren gestern auch Rennradfahrer, Mountainbiker und Tourengeher unterwegs. Auch wenn Sport im Freien (unter Einhaltung des Mindestabstands!) erlaubt ist, appellierte Landeshauptmann Günther Platter an die sportverliebten Tiroler, weiterhin auf risikoreiche Aktivitäten zu verzichten. Diesem Appell kann sich die Polizei nur anschließen, wie Pressesprecher Manfred Dummer betont. „Wir bitten die Bevölkerung, von Risikosport abzusehen. Auch wenn wir keine Möglichkeit mehr haben, dagegen vorzugehen.“

Sanktionen können nur bei Gruppenbildung und Nichteinhalten des Sicherheitsabstandes gesetzt werden. „Wir werden weiterhin kontrollieren und die Leute auch ansprechen und fragen, mit wem sie unterwegs sind“, betont Dummer. Freizeitaktivitäten sind nämlich nur allein oder mit Familienangehörigen aus dem selben Haushalt erlaubt. Die Lockerung der Regeln in Tirol erleichtert indes auch der Polizei das Leben. „Wir gehen davon aus, dass die Anzeigen, aber auch die Beschwerden über Kontrollen abnehmen werden“, erklärt Dummer.

In der Axamer Lizum waren gestern vereinzelt Skitourengeher unterwegs.
© zeitungsfoto.at

Ruhiger Start in Bezirken

Nur langsam entdeckten die Tiroler in den Bezirken gestern die neue, alte Freiheit. In Kufstein fielen BM Martin Krumschnab­l mehr Spaziergänger an der Innprome­nade auf. Die Innenstadt selbst blieb auf Sparflamme. Logische Erklärung: „Es haben ja auch kaum Geschäfte geöffnet.“ Nur sehr wenige Menschen waren gestern auch in Kitzbühel unterwegs. „Das Einzige, das wirklich zugenommen hat, sind die Radfahrer. Viele Familien sind mit ihren Kin­dern unterwegs, das ist auffällig“, berichtet Felix Obermoser, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit in der Stadtgemeinde Kitzbühe­l.

In Reutte bemerkte man deutlich mehr Verkehr als in den Tagen zuvor. Die Parkplätze bei den Diskontern waren gut gefüllt. Mehr Menschen insgesamt waren aber auch hier nicht zu bemerken. Der Imster Bezirkspolizeikommandant Hubert Juen sah „keinen gravierenden Anstieg“ – weder beim Verkehrsaufkommen noch bei Ordnungswidrigkeiten. Er lobt die Imster Bevölkerung für die Disziplin. Auch bei der Bezirkshauptmannschaft sah man „keine spürbare Veränderung“.

In und rund um Lienz nützten gestern Läufer, Radler, Mountainbiker und Berggeher die neu gewonnene Freiheit. Kinder auf dem Fahrrad, neben denen die Eltern joggten, waren ein häufiger Anblick. „Ohne Sport ist der Lienzer kein richtiger Mensch“, sagte ein Wanderer schmunzelnd. (wo, mm, top, fasi, co)


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