Als das Kirchenvolk aufbegehrte

Am Karfreitag 1995 startete das Kirchenvolksbegehren. 505.000 Unterschriften erhöhten den Druck auf Reformen in der Kirche. Martha Heizer wartet noch auf die Umsetzung vieler Forderungen.

Das Kirchenvolksbegehren hat viel in Bewegung gebracht, doch für Martha Heizer ist noch viel zu tun.
© Thomas Böhm

Von Peter Nindler

Absam – Dass die Bischofskonferenz angesichts der Corona-Krise die „Zeit der Hauskirche“ ausgerufen hat, kommentiert Martha Heizer (73) mit einem Augenzwinkern. „Denn viele Menschen rufen derzeit auch bei mir an und wollen das tun.“ Die Vorsitzende der Plattform „Wir sind Kirche“ und ihre Ehemann wurden wegen Eucharistiefeiern ohne geweihten Priester 2014 exkommuniziert. Die Beugestrafe gilt bis heute. „Wir müssten uns entschuldigen, aber das tun wir nicht.“ Schon vor 25 Jahren hat die pensionierte Religionspädagogin Kirche anders verstanden als „die Reformverweigerer in den kirchlichen Institutionen“.

Wegen der Missbrauchs­affäre um den damaligen Wiener Erzbischof Hans Hermann Groër wurde 1995 von einem langen Karfreitag für die Kirche gesprochen, denn anhaltend hatte sie zu den Vorwürfen geschwiegen. Als Reaktion darauf starteten Heizer, der spätere Landesschulinspektor Thomas Plankensteiner und die Lehrerin Bernadette Wagnleithner am Karfreitag 1995 in Innsbruck das Kirchenvolksbegehren mit fünf zentralen Forderungen: Aufbau einer geschwisterlichen Kirche jenseits von Klerikalismus und Machtstrukturen, Zugänge von Frauen zu allen kirchlichen Ämtern, freie Entscheidung der Lebensform auch für Priester, menschenfreundliche Sexualmoral und Frohbotschaft statt Drohbotschaft.

505.000 Katholiken haben die Forderungen unterschrieben, diese werden bis heute diskutiert. Das Volksbegehren und die daraus entstandene Plattform „Wir sind Kirche“ sind seither eine der wichtigsten kirchlichen Reformbewegungen, die Pfarrerinitiative trägt beispielsweise viele ihrer Inhalte mit.

„,Wir sind Kirche‘ war von Anfang an eine Reformbewegung für die Zukunft der Kirche. Das ist sie auch heute noch. Wir stehen dem Papst zur Seite und kämpfen mit ihm gegen den Klerikalismus in unserer Kirche“, blickt Heizer zurück und zugleich nach vorne. Ihre Bilanz fällt zwiespältig aus: Trotz der Reformresistenz der römischen Kurie seien inzwischen viele Weichen richtig gestellt worden. „Die Alleinherrschaft des Klerus (zer-)bröckelt, Frauen übernehmen immer mehr auch höhere Ämter und Aufgaben in der Kirche, Priester in Partnerschaften und mit Kindern werden weitgehend von ihren Gemeinden und manchmal auch von ihren Bischöfen akzeptiert, verheiratete Seelsorgerinnen und Seelsorger übernehmen Pfarrgemeindeleitungen.“ Im Vatikan ortet Heizer ebenfalls zahlreiche Kräfte, die in verschiedene Richtungen ziehen. „Deshalb ist auch das vatikanische System beim Bröckeln.“ Papst Franziskus tue zwar alles, um das System zu ändern, stehe aber oft auf verlorenem Posten.

Die Plattform sieht Heizer nach einigen Querelen vor Jahren auf einem guten Weg. „Es gibt einen kompetenten Vorstand, aber irgendwann ist auch einmal für uns Schluss. Bis 80 werden wir es sicher nicht machen.“ Was ihre Forderungen betrifft, müsste die Absamerin wahrscheinlich noch weitere 25 Jahre aktiv bleiben. „Denn es gibt immer noch viel zu tun. Die Kirche kann kein ,Feldlazarett‘ sein, solange sie den Menschen selber Wunden zufügt.“


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