Historiker skeptisch zu ausgleichender Wirkung der Krise

Der österreichische Historiker Walter Scheidel kam 2017 in einem viel beachteten Buch zu dem Schluss, dass es über Jahrtausende hinweg vor allem Kriege und Seuchen waren, die für mehr Gleichheit sorgten. Ob sich diese Spielart der Geschichte nun im Zuge der Coronakrise wiederholt, bezweifelt der Professor an der Stanford University (Kalifornien) im Gespräch mit der APA aber.

Vor allem der Umfang und die Geschwindigkeit der staatlichem Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus erstaunen den Wissenschafter im Rückblick auf die vergangenen Wochen. Dieses Ausmaß an Einschränkung des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens „hat man so noch nie gesehen. Insofern ist das schon beeindruckend“, sagte Scheidel.

Ob und inwiefern sich Scheidels prominente These der „Krise als Gleichmacher“ auch nun bewahrheitet, könne man aktuell noch nicht einschätzen. Vieles hänge von der Dauer der Pandemie ab, die wiederum eng im Zusammenhang mit wissenschaftlichen Fortschritten, etwa bei der Impfstoffentwicklung, steht. „Welche Auswirkungen die Krise auf die wirtschaftliche und soziale Ungleichheit hat“, werde aber eine der entscheidenden Fragen bei der Bewältigung, so der Historiker.

Durch die Talfahrten der Börsen seien nun zwar die „Reichen etwas weniger reich“, das war am Beginn der Finanzkrise 2008 auch der Fall - der Effekt hielt jedoch nicht lange an und die Schere ging in der Folge dramatisch auf. Dass sich die Wohlhabenden auch vom Corona-Schock rasch erholen, „ist zu vermuten, wenn die Krise nicht ganz fatal wird“.

Im Bezug auf die breite Masse der Bevölkerung verstärke die Situation schon jetzt die Ungleichheit, da nun vor allem Arbeitnehmer, kleinere Selbstständige und Betriebe um ihre Einkünfte und Absicherung zittern müssen. Scheidel: „Diese Klüfte sind ja bereits ganz klar“, und ärmere Bevölkerungsschichten täten sich in der Regel schwerer, sich von derartigen Verwerfungen zu erholen.

Für den Historiker ist allerdings der Umgang der Politik mit und die Reaktion der Wähler auf die Krise „fast der wichtigste Aspekt“. Schaffe man es, in etwa innerhalb eines Jahres mehr oder weniger zum Status-quo vor Corona zurückzukehren, blieben die mittel- und langfristigen politischen und gesellschaftlichen Veränderungen voraussichtlich auch im Rahmen. Gehe es aber in Richtung der Entwicklung der Wirtschaftskrise der 1930er Jahren würden „aggressivere Maßnahmen erforderlich sein und eher auch vom Wähler getragen“, betonte Scheidel, und führte etwa Verstaatlichungen oder Beschäftigungsprogramme, wie einst der „New Deal“ in den USA, oder die bereits in Österreich diskutierten Vermögens- oder Erbschaftssteuern an.

Hier werde auch klar, dass es „erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg das Potenzial gibt, die Ungleichheit signifikant zu reduzieren. Es ist aber beileibe nicht garantiert, dass es dazu kommen wird“, so der Wissenschafter, der sich nicht auf eine Prognose einlässt, ob man die Coronakrise einmal vor allem als Gesundheits-, Wirtschafts- oder politische Krise bezeichnen wird.

Dass in der Regel schlechter bezahlte, aber „systemrelevante“ Berufsgruppen aus der Situation längerfristig bessere Reallöhne herausziehen könnten, sei ebenfalls sehr zweifelhaft. Wenn man in Österreich etwa das Wegbrechen des Tourismus und der dort steigenden Arbeitslosigkeit betrachte, könne das natürlich Druck auf andere Bereiche ausüben, wenn diese dann verfügbaren Arbeitskräfte in andere Sektoren drängen.

Politisch sehe man momentan, dass sich Länder mit stark föderalen Strukturen, wie etwa die USA oder auch Deutschland, bei der Coronavirus-Eindämmung tendenziell schwerer tun als beispielsweise Österreich. Die sehr passive Rolle der EU bisher spiele natürlich auch dem Befund vieler Menschen in die Hände, „dass es in wirklichen Krisen um die nationale Regierung oder gar um die Regionalregierungen geht, man sich aber von den EU-Partnern nicht viel erwarten kann“, sagte Scheidel mit Blick auf den Zwist um Eurobonds oder an Grenzen gestoppte Schutzausrüstungs-Lieferungen. „Das ist ja alles erst der Anfang“, denn die Krise der europäischen Partnerschaft werde sich verstärkt fortsetzen. „Kurz und mittelfristig kann man durchaus eine Renaissance der Nationalstaaten erleben“, so die Einschatzung des Historikers.


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