„Nur“ 28.500 Corona-Fälle in Österreich: Durchseuchung ist noch gering

Die Stichprobenstudie der Regierung zeigt: Es sind dreimal mehr Menschen infiziert als bisher bekannt. Gemessen an der Bevölkerung ist die Zahl der Erkrankten aber niedrig.

Für die Abstriche kamen Teams des Roten Kreuzes zu den Testpersonen.
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Von Wolfgang Sablatnig

Wien – Wie viele Menschen sind mit dem Coronavirus infiziert, vielleicht ohne Symptome oder nur mit schwachen Symptomen, jedenfalls aber ohne sich zu melden und ohn­e einen Test zu machen? Eine Stichproben-Studie des Instituts SORA versuchte erstmals, diese Dunkelziffer zu untersuchen. Das Ergebnis wurde gestern präsentiert: Anfang April waren nach den Zahlen der Sozialforscher in Österreich 28.500 Personen oder 0,33 Prozent der Bevölkerung infiziert.

Diese Zahl lässt zwei Les­arten zu. Sie ist deutlich höher als die offizielle Zahl der Infizierten. Diese lag am 6. April bei 8600. Wissenschaftsminister Heinz Faßmann (ÖVP): „Wir dürfen uns nicht selbst täuschen. Der Eisberg ist größer als gedacht.“

📽 Video | 0,33 Prozent der Bevölkerung laut Studie infiziert

Das Ergebnis zeigt aber auch, dass die Durchseuchung gering ist, also nur vergleichsweise wenige Menschen mit dem Virus in Kontakt kamen und eine Immunität entwickeln konnten.

Für Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) entsprechen die Ergebnisse seinen Erwartungen. Er sieht den Kurs der Regierung mit den zahlreichen Beschränkungen zur Eindämmung der Pandemie daher bestätigt. Es wäre „verantwortungslos“ gewesen, „auf die Herden­immunität zu setzen“, sagte der Gesundheitsminister. Bis zu einer Entspannung könne es aber „länger dauern“.

▶️ Was besagt die Studie? Die Untersuchung ist eine Momentaufnahme: Zwischen dem 1. und 6. April waren im wahrscheinlichsten Fall 0,33 Prozent der Bevölkerung in Österreich mit dem Corona­virus infiziert. Das wären rund 28.500 Personen. Weil es sich um eine statistische Stichprobe handelt, gaben die Autoren neben dem wahrscheinlichsten Wert auch den Vertrauensbereich an: Mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent lag die Zahl der Infizierten zwischen 10.200 und 67.400 (0,12 bis 0,76 Prozent der Bevölkerung).

▶️ Was lässt sich aus der Studie nicht ablesen? Für die Studie wurden so genannte PCR-Tests verwendet, die zeigen, ob jemand akut infiziert ist. Die Erhebung gibt daher keine direkte Auskunft darüber, wie viele Menschen Covid-19 schon überstanden haben und daher immun sind. Faßmann geht jedoch davon aus, dass die Zahl dieser Personen noch gering ist. Für künftige Testwellen will der Minister aber auch Antikörpertests einsetzen, die bei bereits Gesundeten anschlagen. Noch sind diese aber nicht mit ausreichender Verlässlichkeit verfügbar.

Keine Aussage machen kann die Studie über Geschlecht und Alter der Infizierten. Dafür sind die Zahlen der Erkrankten zu gering, erläutert SORA-Chef Christoph Hofinger.

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▶️ Wer wurde getestet? SOR­A wählte nach einem statistischen Verfahren mehr als 2800 Haushalte aus – und dort jene Person, die als nächste Geburtstag hat. Somit konnten auch Kinder erreicht werden. 77 Prozent aller Angefragten (2197) waren bereit mitzumachen.

Die Stichprobe umfasste letztlich 1544 Personen zwischen 0 und 94 Jahren. 99 Teilnehmerinnen und Teilnehmer stammten aus Tirol.

▶️ Wie wurde getestet? Teams des Roten Kreuzes besuchten die Testpersonen und nahmen Rachenabstriche vor. Ein Drittel kam zu einer Drive-in-Teststation.

▶️ Wie viele Personen aus der Stichprobe hatten das Coronavirus? In der gesamten Stichprobe waren es sechs Personen: Drei waren schon vorher getestet: Bei drei weiteren fiel der Test im Zuge der Studie positiv aus, die Betroffenen wurden darüber umgehend informiert. Die Statistiker nahmen dann eine „Gewichtung“ vor, um Verzerrungen herauszurechnen. Weitergerechnet haben sie daher mit fünf Infizierten.

▶️ Wie schaut es mit dem Datenschutz aus? Die SORA-Experten betonen, dass sie die Ergebnisse zu keinem Zeitpunkt der Studie einem konkreten Haushalt zuordnen konnten.

▶️ Ist nach der Momentaufnahme eine weitere Dunkelziffer-Studie geplant? Faßmann hat zwei weitere Wellen in Auftrag gegeben, um die Entwicklung zu beobachten. Diese werden aber nicht von SORA, sondern von der Statistik Austria durchgeführt. Für den nächsten Durchgang ist geplant, 2800 Personen über 16 Jahre in die Stichprobe zu nehmen. Diese werden Ende nächster Woche per Post informiert. Zwischen dem 21. und dem 25. April sollen dann die Teams des Roten Kreuzes die Abstriche nehmen. Ein Ergebnis wird für Ende April erwartet.


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