Unendliche Last auf der Seele: „Von schlechten Eltern“

Schwermütiger Roadtrip durch die Dunkelheit: Tom Kummers neuer Roman „Von schlechten Eltern“.

Früher Skandallieferant, heute als Autor anerkannt: Tom Kummer.
© imago/Gerhard Leber

Von Markus Schramek

Innsbruck –Ein Image als böser Bube muss kein Schaden sein, eher schon ein Hineinlese-Anreiz, zumal in einer unüberschaubaren und mitunter glattgebügelten Branche wie dem Literaturbetrieb.

Tom Kummer, Jahrgang 1961, hat wenig ausgelassen, um ein „bad boy“ zu werden. Seine bemerkenswerten – blöderweise halt auch frei erfundenen – Interviews mit Hollywood-Größen vom Rang einer Sharon Stone oder Pamela Anderson lösten um die Jahrtausendwende einen Medienskandal aus. Kummer verschwand als Journalist in der Versenkung, ebenso wie jene leitenden Redakteure namhafter deutscher Gazetten, die sich die Fake News hatten auftischen lassen.

Doch Kummer kam zurück, physisch und schreiberisch. Er verließ Los Angeles, um in seiner Heimatstadt Bern den Tod seiner Frau Nina zu verarbeiten und um Ballast von der Seele abzuwerfen.

Sinnsuche zwischen High Life, Sex und Drogenexperimenten

Mit „Nina & Tom“, als Roman deklariert, tatsächlich aber nichts weniger als die Schilderung einer (nämlich seiner) Paarbeziehung, errang der als Plagiator verschriene Kummer 2017 schriftstellerisch Anerkennung. Das Buch schildert ein rauschhaftes Leben in Berlin und Los Angeles, eine Sinnsuche zwischen High Life, Sex und Drogenexperimenten, die durch Ninas Krebstod jäh beendet wird.

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Jetzt reicht Kummer ein weiteres Buch nach. „Von schlechten Eltern“ nennt sich wieder Roman und gilt somit als Fiktion, auch wenn der Ich-Erzähler Tom Kummer heißt, der immer noch schwer trägt am Tod seiner Frau Nina. Sie ist allgegenwärtig, in Visionen und Halluzinationen, wenn Tom sich Pillen einwirft und seinem einsamen Job nachgeht. Als Chauffeur eines Luxusklasse-Mercedes kutschiert er vermögende, zwielichtige und oft aus Afrika stammende Kundschaft durch die nächtliche Eidgenossenschaft. Es geht um Macht und Geld, die haben es ja gerne dunkel.

Die nächtlichen Ausfahrten mit schweigsamen Passagieren, den Aktenkoffer an die Hand gekettet oder unterwegs zu mysteriösen Treffen nach Mitternacht, haben etwas Gespenstisches, Unwirkliches. Man erfährt viel über gottverlassene Passstraßen, schneidige Haarnadelkurven, schlecht belüftete Tunnels. Als Österreicher fühlt man sich fast wie daheim.

Roman

Tom Kummer: Von schlechten Eltern.

Tropen 2020, 245 Seiten, 2,70 Euro.

Erzähler und Fahrer Tom suhlt sich regelrecht in seinem Verlust-Schmerz. Tageslicht kann er schwer ertragen; er verbringt die freie Zeit bei heruntergelassenen Rollläden.

Aufgeräumt, strukturiert und hellwach wirkt im Vergleich der jüngere Sohn Vincent (12). Er ist mit Tom von den USA nach Bern zurückgekehrt, während der knapp volljährige Bruder Frank sich zunächst weigert, von Kalifornien in „die heuchlerische Schweiz“ zu übersiedeln.

Kummer ist ein Getriebener, er sucht Erlösung, vielleicht sogar Vergebung dafür, dass er weiterlebt. Sein maximal halb-fiktionales Buch verwirrt und fasziniert, es stößt ab und nimmt gefangen. Eines ist es ganz sicher nicht: von schlechten Eltern.


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