Holocaust-Überlebenende: „Wiederkehr der alten Gespenster“

Rund um ihren 99. Geburtstag vor einem Jahr konnte Hedi McKinley noch in ihre Geburtsstadt Wien kommen. Heuer ist das wegen der Corona-Krise nicht möglich.

Nationalfonds-Chefin Hannah Lessing mit der Holocaust-Überlebenden Hedi McKinley.
© Nationalfonds

Wien –Rund um ihren 99. Geburtstag vor einem Jahr konnte Hedi McKinley noch in ihre Geburtsstadt Wien kommen. Heuer ist das wegen der Corona-Krise nicht möglich, bedauert Hannah Lessing, die Generalsekretärin des Nationalfonds der Republik für Opfer des Nationalsozialismus. Lessing hat zu vielen Überlebenden des Holocaust eine persönliche Beziehung aufgebaut. Einige tausend gebe es noch, schätzt sie. Unter der Pandemie und den Folgen litten sie besonders.

Lessing: „Was müssen Isolation, ,Social Distancing‘ und ,Lockdown‘ für Menschen bedeuten, die in ihrem Leben bereits einmal eine massive Erfahrung von Ausgrenzung, Entfremdung, Einsamkeit gemacht haben? Vielen bringen diese Tage ein Wiedererleben der vor Jahrzehnten erfahrenen Traumata, eine Wiederkehr der alten Gespenster.“

Hedi McKinley wurde am 15. April 1920 in Wien geboren. Ihr Vater, ein Greißler, hatte im Ersten Weltkrieg für die österreichisch-ungarische Monarchie gekämpft. Wie so vielen anderen Juden bot ihm auch das nach dem Einmarsch Nazi-Deutschlands in Österreich keinen Schutz. Das Geschäft wurde beschlagnahmt, die Familie aus ihrer Wohnung vertrieben. McKinley flüchtete nach England, später in die USA, wo sie als Sozialarbeiterin tätig war und Schülern über ihrer Erlebnisse berichtete. Ihre Eltern sah sie wieder. Nicht so ihre Großmutter; sie kam im Konzentrationslager um.

Der Nationalfonds kann seine Projekte trotz der Pandemie am Laufen halten, berichtet Lessing, auch wenn die mehr als 30 Mitarbeiter großteils im Home-Office sind. Viel Zeit wende sie für Telefonate mit den Überlebenden auf, um deren Einsamkeit zu begegnen. Vorerst geht auch die Arbeit an der neuen Österreich-Ausstellung in der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Auschwitz weiter. Ob der Eröffnungstermin 2021 halten kann, sei aber nicht fix. (sabl)

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