Maden fressen die Wunde gesund

Bei chronischen Wunden hilft oft nur noch eine Operation, um sie zum Heilen zu bringen. Als tierisches OP-Werkzeug können Maden den Patienten einen Klinikbesuch jedoch manchmal ersparen.

Lucilia sericata ist – man möchte es ob ihres lateinischen Namens gar nicht glauben – eine „Urtirolerin“. Die Goldfliege stamme ursprünglich von hier und ihre Maden seien auf gut Tirolerisch auch „zache Luder“. Wenn Marianne Hintner das sagt, meint sie das durchaus bewundernd. Die selbstständige Wundmanagerin aus Hall weiß die Maden als eine Art lebenden Verband in der Behandlung von chronischen Wunden sehr zu schätzen.

Die Larven dieser Schmeißfliegen beweisen ihr zufolge vor allem beim diabetischen Fuß ihr Können, kommen aber auch bei schlecht heilenden, infizierten Operationswunden und nach Möglichkeit bei einem Dekubitus (wunde Druckstellen) zum Einsatz. „Sie leisten eine Top-Arbeit“, sagt Hintner.

Und diese sieht folgendermaßen aus: Die Larven werden heute hauptsächlich in einem Biobag, einem Sackerl aus feinem Gewebe geliefert, aus dem sie nicht herausschlüpfen können. Am besten kommt es sofort auf die Wunde. Man sollte die frischen Maden höchstens einen Tag im Kühlschrank aufbewahren. Das Biobag wird direkt auf die wunde Stelle gelegt. „Pro Quadratzentimeter rechnet man mit zehn Maden“, erklärt die mobile Wundexpertin.

Totes Gewebe ist ihr Essen

Dazu kommt ein Tupfer, der mit Kochsalzlösung getränkt ist, damit die Maden genug zu trinken haben. Ihr Essen ist abgestorbenes Gewebe sowie Fibrin-Beläge. „Diese Beläge werden für die Wundheilung benötigt, müssen dann aber wieder abgebaut werden. Wenn Zusatzerkrankungen wie Diabetes vorliegen, ist der Körper oft nicht in der Lage dazu.“

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Das erledigen dann die jungen Larven, die so klein sind wie ein halbes Reiskorn, mittels extrakorporaler Verdauung. Dafür sondern sie ein Sekret ab, welches totes Gewebe und Fibrin-Beläge auflöst. Die Flüssigkeit saugen die Tiere dann wieder auf. „Das Tolle ist, dass sie alles, was gesund ist, stehen lassen. Sie mögen nur das tote Gewebe, in dem Bakterien und andere Mikroorganismen leben.“

Nach drei Tagen müssen die Wundexperten den Madenverband wieder entfernen und im Restmüll entsorgen. Die Tiere sind dann im Normalfall fett. „Man muss das Biobag in den Restmüll geben, weil die Maden dann ja infiziert sind. Außerdem würden sie nicht überleben, wenn man sie wieder aussetzt“, sagt Hintner. Sie versteht aber, wenn Tierschützer deswegen Vorbehalte haben und die Behandlung ablehnen.

Es ist selbstverständlich, dass man in der Therapie auch nie vergessen darf, dass man mit Lebewesen zu tun hat. Wenn die Verbände zu fest gewickelt werden, erdrückt man die Tiere, ist zu viel Schleim in der Wunde, ersticken sie. Sie dürfen nicht verhungern und nicht verdursten. Ekel ist natürlich auch ein Thema bei einigen Patienten. „Die meisten haben aber einen extrem hohen Leidensdruck und mit der Larventherapie kann man sich immerhin eine chirurgische Intervention ersparen.“ Nach einem Behandlungszyklus seien die meis­ten Wunden in einem Zustand, in dem sie gut weiterversorgt werden könnten.

Biologisches Skalpell

Grundsätzlich ist die Madentherapie laut Hintner nicht das erste Mittel der Wahl. Sie werde erst eingesetzt, wenn andere Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Denn die Behandlung kommt mit mehreren hundert Euro teuer und ist aufwändig. Lediglich bei der Anwendung im Krankenhaus fallen für die Patienten keine Kosten an, sonst müssen sie die Therapie selbst bezahlen. Der Grund für den Preis des „biologischen Skalpells“ sei die mühevolle Zucht.

„Lucilia sericata wird deshalb verwendet, weil man ihre Eier desinfizieren kann. Andere Fliegen­eier halten das nicht aus.“ Denn nur durch die mehrfache Desinfektion würden die Eier steril und die Maden zum Medizinprodukt werden. Es handelt sich dabei also, entgegen aller Vorurteile, um eine saubere Sache.

© Sorbion

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