Südtirol in der Corona-Krise: An der Schnittstelle zweier Welten

Im Gegensatz zu anderen Regionen in Norditalien steht Südtirol in der Corona-Krise gut da. Verglichen mit Tirol sind die Zahlen alarmierend. Gründe dafür sollen Experten dies- und jenseits des Brenners nun prüfen.

25 Corona-Patienten werden derzeit auf Südtirols Intensivstationen (im Bild jene des Krankenhauses Bozen) behandelt.
© Screenshot LPA

Von Benedikt Mair

Innsbruck, Bozen –82 Tote, bisher insgesamt 249 bestätigte Infizierte, in 25 von 77 Einrichtungen zumindest ein Fall. Südtirols Altenheime traf die Corona-Krise besonders hart. „Dass dieses Virus für Senioren ein großes Problem ist, war uns von Beginn an klar“, sagt Oswald Mair, Direktor des Verbandes der Seniorenwohnheime Südtirol. „Immerhin haben wir es geschafft, den Erreger dort, wo er noch nicht drin war, rauszuhalten.“ Schon am 5. März habe Mair nämlich eine Mitteilung an alle Mitglieder versandt, in der die Isolierung der Heime empfohlen wird. Der Austausch zwischen Bewohnern und Bevölkerung sollte ab da unterbunden werden. „Die meisten“, sagt der Verbandsdirektor, „haben sich auch daran gehalten. Wobei es freilich schwierig ist, einem Demenzkranken Schutzmaßnahmen beizubringen.“

Südtirol als Ganzes liegt an der Schnittstelle zweier Welten. Während die Corona-Zahlen verglichen mit jenen aus Tirol alarmierend sind, steht das Land im Gegensatz zu anderen norditalienischen Regionen gut da. „Die Sterberate liegt in unseren Heimen bei etwa zwei Prozent, bei einer Kapazität von 4300 Betten“, sagt Oswald Mair. „Italienische Provinzen, die 6000 Betten stellen, wo aber bereits über 600 Corona-Tote verzeichnet wurden, gibt es auch.“

In den 97 Tiroler Alten- und Pflegeheimen werden derzeit flächendeckende Tests durchgeführt, Ende der Woche sollen laut Angaben der Landesverwaltung zwei Drittel aller Einrichtungen durchgetestet sein. Dienstagnachmittag, 15 Uhr, gab es 107 nachgewiesene Fälle bei Heimbewohnern. Mindestens 30 starben in Tiroler Senioreneinrichtungen an oder mit dem Virus. Eine endgültige und gesicherte Zahl liegt dafür laut Land im Moment noch nicht vor.

Bereits seit der ersten Märzwoche wird der Zugang zu Spitälern per Triage-Zelten (im Bild Bozen) geregelt.
© LPA/Agentur Bevölkerungsschutz

Stellt man die Statistiken der zwei Länder dies- und jenseits des Brenners gegenüber, sticht vor allem ein gravierender Unterschied ins Auge: die Zahl der Genesenen. Mit gestern Abend gab es in Tirol 1053 aktiv Corona-Infizierte, 2244 Menschen gelten als geheilt. Stand Mittwochvormittag waren 1809 Südtiroler erwiesenermaßen an dem Virus erkrankt, 415 genesen.

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„Im Hinblick auf die Gesamtbevölkerung haben wir verhältnismäßig weniger Corona-Fälle“, sagt Lukas Raffl, Sprecher des Südtiroler Sanitätsbetriebes (Sabes). Was aber auch an der Methode der Erhebung liegen könne. In Südtirol werden beispielsweise Kontaktpersonen von bereits Erkrankten nur dann auf das Virus getestet, wenn sie Symptome aufweisen. Und auch der Weg zur behördlich erfassten Genesung verläuft anders. „Bei uns“, erklärt Raffl, „gelten nur diejenigen als geheilt, die innerhalb kurzer Zeit zweimal negativ getestet wurden.“ Auch jene Infizierten, die sich in häuslicher Quarantäne befinden. In Tirol gilt für diese Gruppe: Bei Ablauf der 14-Tage-Frist für die Heimisolation und bei mindestens 48-stündiger Symptomfreiheit wird die Quarantäne aufgehoben, der Patient ist geheilt. Zwei negative Corona-Tests innerhalb von zwei Tagen brauchen in Tirol nur jene, die im Krankenhaus behandelt wurden.

Bleibt noch die Frage nach den gravierenden Unterschieden bei den Opferzahlen. 221 Corona-Tote listete Südtirol gestern Früh, in Tirol waren es am Abend 80. Warum südlich des Brenners ungleich mehr Menschen an der Krankheit sterben, weiß derzeit niemand genau. Sogar die Möglichkeit von zwei unterschiedlichen Virus-Stämmen, einer davon viel aggressiver, soll als Ursache in Erwägung gezogen worden sein. „Es gibt das Bestreben auf Fachebene, diese Unterschiede abzuklären“, sagt Sabes-Sprecher Raffl. Eine grenzübergreifende Expertengruppe wird demnächst die Arbeit aufnehmen, bestätigt auch der Sprecher der Klinik Innsbruck, Johannes Schwammberger: „Wir sind ersucht worden, daran teilzunehmen.“ Ärzte aus Innsbruck und Südtirol sollen die offenen Fragen gemeinsam prüfen.

Bei aller länderübergreifenden Zusammenarbeit ist aber immer noch unklar, wann die Grenzregelung zwischen Tirol und Südtirol gelockert werden soll. Die Landeshauptleute Günther Platter (ÖVP) und Arno Kompatscher (SVP) verweisen in dieser Frage auf die Zuständigkeit der Regierungen in Wien und Rom.


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