Kraftakt im Verborgenen: Eltern von Kindern mit Behinderung lange übersehen

Eltern von Kindern mit Behinderung fühlen sich im Stich gelassen. Die Lebenshilfe sagt, Politiker hätten diese Gruppe von etwa 6000 betreuungsintensiven Personen lange nicht am Schirm gehabt.

Mobile Teams besuchen die Klienten, Schutzmasken sind immer dabei.
© Lebenshilfe

Von L. Pircher, A. Plank

Obsteig – „Durchhalten, z’ammhalten“: Parolen wie diesen kann Lydia Falkner aus Obsteig gerade wenig abgewinnen. Als Mutter eines 17-Jährigen mit Behinderung fühlt sie sich in der Corona-Krise wenig unterstützt: „Jegliche Behinderteneinrichtungen sind geschlossen, alle, die unseren Sohn betreuen, haben Home-Office, telefonieren mit uns und muntern uns auch auf, letztendlich sind wir aber im Alltag größtenteils auf uns gestellt. Normalerweise betreuen mein Mann und ich unseren Sohn von Freitagmittag bis Montagfrüh. Allein diese wenigen Tage sind schon oft eine große Herausforderung, da er sehr stark ist und körperliche Beschäftigung braucht, um seinen Überschuss an Kräften loszuwerden, ansonsten kann er auch aggressiv und sehr schwer lenkbar werden“, erzählt die Frau.

Werkstätten sind geschlossen, aber manches geht auch daheim.
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Sie habe eine große Familie, die hilft, viele davon würden jetzt aber ausfallen, weil sie zu Corona-Risikogruppen zählen. Nach anstrengenden Wochen der alleinigen Vollbetreuung und viel Ungewissheit, wie es weitergehen könne, sei zumindest klar, dass der Sohn in eingeschränkter Form sein letztes Sonderschuljahr beenden und nach Ostern auch stundenweise in die Tagesbetreuung kann: „Das hilft uns“, sagt Falkner. Sie frage sich aber, wie alte Eltern tun, die mit der Betreuung von Kindern mit Behinderung alleingelassen werden.

Georg Willeit von der Lebenshilfe Tirol kennt die Probleme nur zu gut. 2000 Klienten werden von rund 1500 Lebenshilfe-Mitarbeitern begleitet, 350 Menschen in Wohnhäusern, 400 mobil.

Ein Notquartier für die Quarantäne wird eingerichtet.
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„Die Angehörigen leisten Unglaubliches, wir versuchen, sie durch häufigere Besuche der Teams so gut wie möglich zu unterstützen.“ Man werde nicht müde, die Politik darauf hinzuweisen, dass es sich bei Angehörigen und Assistenten um Systemerhalter handle. Die behinderten Menschen, 6000 Tiroler mit Familien rund 20.000 Personen, habe die Politik lange nicht am Schirm gehabt. Schon früh reagierte man bei der Lebenshilfe und stellte auf Notbetrieb bei den Werkstätten um. So konnte die Ansteckung von Klienten bis heute verhindert werden. Aber acht Mitarbeiter waren infiziert. Erst am Donnerstag teilte das Land mit, dass sich alle Mitarbeiter testen lassen können. Seitens der Lebenshilfe habe man schon früh Quarantäneeinrichtungen geschaffen. „So können unsere Klienten von ihren vertrauten Assistenten begleitet werden. Sollte ein Fall auftreten, brauchen die Mitarbeiter für die Notquartiere aber dringend medizinische Schutzkleidung.“

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Home-Office soll die Situation erleichtern.
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Willeit vermisst auch Konzepte, wie bei schwerem Corona-Verlauf und Klinikaufenthalt vorgegangen werde. „Eine Begleitperson wird notwendig sein.“ Generell sollten Menschen mit Behinderung bei allen Entscheidungen mitgedacht werden. Und wie reagieren die Betroffenen? „Wie andere auch. Da die Werkstätten im Notbetrieb laufen, sind die einen froh, dass sie ,frei’ haben, die anderen holen sich die Arbeit heim“, so Willeit.

In Heimarbeit werden Masken hergestellt.
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