Ohne Lösung für Betreuer droht Kollaps in der häuslichen Pflege

Keine Einreise für neue, keine Heimkehr für seit Wochen hier arbeitende und erschöpfte 24-Stunden-Betreuer: Angehörige und Agenturen fordern Hilfe.

Pflegebedürftige Menschen über 24 Stunden zu betreuen ist eine anstrengende Aufgabe, die Angehörige vielfach nicht alleine schaffen, weshalb sie auf Betreuungshilfe angewiesen sind.
© PantherMedia / Alexander Raths

Von Liane Pircher

Innsbruck, Wien – Es sind Hunderte Handgriffe, die Tag und Nacht zu tun sind, damit der 74-jährige demenzkranke Johann M. (Name der Redaktion bekannt) gut versorgt ist: Waschen, Anziehen, Medikamente geben, Essen und Flüssigkeit einlöffeln, vom Bett in den Rollstuhl hieven und umgekehrt, Windeln wechseln und den Körper nachts im Bett richtig lagern, damit keine Druckstellen auf der Haut entstehen, immer wieder den Mann beruhigen, wenn er plötzlich unruhig und nervös wird – dazwischen den Haushalt versorgen.

Wenn nicht ausgebildete Pflegerinnen vom Sozialsprengel zumindest tags ein, zwei Stunden vor Ort sind, erledigen diese Aufgaben die 24-Stunden-Betreuerin Sara und die Ehefrau. Sara kommt aus Rumänien, hat schon in vielen österreichischen Familien als Helferin gearbeitet und fährt normalerweise alle drei Wochen heim. Jetzt ist sie seit fast sieben Wochen da – wegen Corona. Und die Ehefrau des Mannes weiß, dass sie alleine die anstrengende Pflege nicht schaffen würde, hat gleichzeitig aber Angst, jemand Neuen ins Haus zu holen – wegen Corona. Sie will ihren Mann nicht gefährden. Sara aber ist am Limit und will nach Hause zur eigenen Familie, wo eine elfjährige Tochter auf ihre Mama wartet.

Viele Personenbetreuerinnen sind seit sieben, acht Wochen da – sie sind fertig, wollen heim.
M. Hechenbichler (Agentur Curatio)

Unabhängig davon, ob man überhaupt einen Platz bekommen würde, ist die Verlagerung in ein Heim für die Familie keine Option, „da würde mein Mann die Wände hochgehen, als Demenzkranker reagiert er extrem empfindlich auf Veränderung, außerdem weiß man, dass die Ansteckungsgefahr in Heimen hoch ist“, sagt die Frau.

Die Familie steht vor einem Dilemma. Eine Lage, die sie momentan mit vielen Familien, die Pflegebedürftige zu Hause betreuen, teilt: „Allgemein ist zu sagen, dass die Personenbetreuer schon über sieben, acht Wochen da sind und nun an ihre Grenzen stoßen. Viele wollen heim. Wir sind auch der Meinung, dass man mit diesen Betreuerinnen, die so lange von ihren Familien getrennt sind, endlich eine geordnete Heimreise ermöglichen muss. Sie haben die letzten Wochen Übermenschliches geleistet und viele Familien unterstützt“, sagt Martin Hechenbichler von der Agentur Curatio. Gemeinsam mit fünf anderen der 30 Agenturen in Tirol, die 24-Stunden-Betreuung organisieren, macht er seinem Frust nun Luft. Es sei viel versprochen worden – inklusive eines einmaligen Bonus von 500 Euro, wenn Helferinnen ihren vereinbarten Betreuungszyklus um mindestens vier Wochen verlängern – passiert sei de facto aber noch nichts. Die Sache mit dem Bonus sei bürokratisch und liege zur Bearbeitung noch beim Land, es gebe nicht einmal Antragsformulare dazu.

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Die Agenturen appellieren aufgrund der prekären Lage erneut an die Politik und wollen folgende Fragen endlich geklärt haben: Wann und wie können Personenbetreuer ins Land kommen und eingesetzt werden? Was ist mit gesicherten Korridoren? Wie kann die Abreise erfolgen? Wie könnten die Finanzierung der Schnelltests, Schutz und Quarantäne aussehen? Egal, ob Klienten, Angehörige, Personenbetreuer oder Agenturen: Für alle sei die große Ungewissheit nervenaufreibend. Zivildiener als Helfer könnten die Lage nicht wirklich entkrampfen: „Die Leute brauchen auch nachts Hilfe“, heißt es.

In der Krise jetzt sieht man, dass es uns auf den Kopf fällt, in der Pflege nur kostengünstig zu denken.
R. Kaufmann (Arge Altenheime, Sozialsprengel Zirl)

In der mobilen Pflege und in Altenheimen beobachtet man die aktuelle Situation der Personenbetreuer mit Kopfschütteln. Dort merke man zwar noch keine verstärkte Nachfrage, das könnte aber passieren, wenn Angehörige, die derzeit pflegen, wieder vermehrt an ihren Arbeitsplatz zurückkehren müssten: „Jetzt in Kurzarbeit oder Urlaub haben viele die Pflege übernommen“, sagt Robert Kaufmann, Obmann der ARGE Tiroler Altenheime und des Sozialsprengels Zirl. Die kritische Lage zeige, dass bis dato viel mit der günstigen 24-Stunden-Betreuung zugedeckt wurde. Das sei fast so wie mit den Masken aus China, sagt Kaufmann. Da habe man auch erst in der Krise gemerkt, dass es nicht schlau ist, aus Kostengründen alles auszulagern.


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