Corona-Spurensuche in drei Ausnahme-Bundesländern

Warum ist die Entwicklung in Wien, Kärnten und Niederösterreich eine andere als im Rest Österreichs? Die TT hat nachgefragt.

Normalerweise ist der Stephansplatz voll mit Touristen und Einheimischen – in den vergangenen Wochen war der Ort menschenleer.
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Von Serdar Sahin

Wien – Das Coronavirus hat ganz Österreich erfasst – jedoch in unterschiedlicher Ausprägung. Manche Bundesländer haben weniger Infizierte als andere, in manchen sind die Fallzahlen innerhalb der Landesgrenzen unterschiedlich verteilt. Die TT hat drei Länder näher betrachtet.

WIEN

Wien etwa befindet sich in absoluten Zahlen gemessen derzeit im obersten Drittel. Heruntergebrochen auf Covid-19-Infizierte pro 100.000 Einwohner sieht die Sache anders aus – da beträgt der Wert lediglich 114. Zum Vergleich: In Landeck gibt es 2189 Fälle pro 100.000 Einwohner. Zum besseren Vergleich wurden die Zahlen vom Dashboard des Gesundheitsministeriums verwendet. Doch warum hat Wien mit so vielen Einwohnern auf so wenig Raum vergleichsweise wenige Fallzahlen?

„In Wien wurde relativ früh mit der Testung zuhause begonnen. Wir haben am 28. Februar damit angefangen – da wurde die Kooperation mit dem Ärztefunkdienst gestartet“, erklärt Andreas Huber vom medizinischen Krisenstab der Stadt Wien im TT-Gespräch. „Jedem, der sich als Verdachtsfall gemeldet hat, wurde gesagt, das Haus nicht mehr zu verlassen.“ Diese Menschen seien auch nicht in ein Spital gefahren, ihnen sei zuhause ein Abstrich genommen worden, erläutert Huber.

Als es Ende Februar die ersten Verdachtsfälle in der Bundeshauptstadt gegeben habe, „hat man damit begonnen, Personen, die infiziert sind, erst gar nicht in die Situation zu bringen, dass sie jemand anderen anstecken können“. Zu Beginn seien die meisten positiven Corona-Fälle Rückkehrer aus Italien gewesen.

Zunächst gab es relativ wenig Genesene in Wien, deren Zahl ist eine Zeit lang auch nur langsam gestiegen. Warum ist das so? „Bei uns ist der Schwung etwas später eingetreten als in Tirol. Damit verschiebt sich das nach hinten. Zusätzlich dauert es ein wenig, bis alle Genesenen in die Statistik eingegeben sind.“ Auf den Intensivstationen und normalen Stationen gebe es ausreichend Betten, sagt Huber. Die Todesfälle in Wien seien großteils „aus der Altersklasse über 70, viele von ihnen hatten Risikofaktoren oder waren in einem schlechten Allgemeinzustand“.

Kärnten

Interessant ist die Situation auch in Kärnten. Trotz der Grenze zu Italien hat das Bundesland die zweitniedrigsten Fallzahlen nach dem Burgenland. Welche Erklärung gibt es dafür? „Wir haben schon sehr früh – am 8. Februar – unseren Koordinationsstab, der aus Politikern und Experten besteht, hochgezogen“, sagt SPÖ-Landeshauptmann Peter Kaiser gegenüber der Tiroler Tageszeitung. Seit 23. Februar tage der Koordinationsstab täglich.

Kaiser ist derzeit Präsident der Eurogio „Senza Confini“, zu der Kärnten, Friaul-Julisch Venetien und Veneto gehören. „Täglicher Kontakt und regelmäßige Videokonferenzen mit den Präsidenten aus Friaul-Julisch Venetien und Veneto bringen uns viel Vorwissen ein, da die Ausbreitung in Italien weitaus höher ist“, erläutert Kaiser. „Es ist uns bis dato gelungen, dank stringenter Maßnahmen und einem koordinierten Vorgehen, die Virusinfizierungen in Kärnten in einem, im Vergleich zu vielen anderen Bundesländern in Österreich und angrenzenden Ländern, vergleichsmäßig niedrig zu halten.“

Eine wichtige Rolle spiele auch die Siedlungsstruktur. Kärnten habe „keine großen Ballungszentren, eine vergleichsweise mäßige bis schwache Verkehrsinfrastruktur und eine ausgeprägte Zersiedelung. Das kommt uns jetzt zugute.“

Weil Kärnten vergleichsweise geringe Infektionszahlen hat, plädiert der Landeshauptmann dafür, in Österreich differenziert hochzufahren. Gemeint ist damit, dass man die wegen der Corona-Krise beschlossenen Restriktionen regional (in weniger betroffenen Gebieten) in unterschiedlichem Tempo zurücknehmen könnte. „In der vergangenen Videokonferenz mit Bundeskanzler Sebastian Kurz und den Landeshauptleuten habe ich meinen Vorschlag zur Diskussion gebracht“, sagt Kaiser. Experten würden dieses Modell nun prüfen. In einer weiteren Videokonferenz morgen Montag soll es Feedback des Bundeskanzlers dazu geben, sagt der Landeshauptmann. Er fügt aber hinzu: „Generell tendiert die Mehrheit zum gemeinsamen Hochfahren.“

Was stellt sich Kaiser unter einem differenzierten Hochfahren vor? Das könnte in Regionen oder Ländern beginnen, die eine deutlich geringere Anzahl an Corona-Infizierten aufweisen, konstatiert der SPÖ-Politiker. So könnten etwa Volksschulkinder in kleineren Klasseneinheiten unterreichtet werden.

Krankenhäuser und Rehazentren würden schon damit anfangen, verschobene Termine wiederaufzunehmen, sagt der Landeschef. „Erste Versuche in kleinem Umfang könnte ich mir auch im Tourismus vorstellen, jedoch immer die Gesundheit der Menschen im Mittelpunkt sehend. Es geht dabei nicht um ökonomische Vorteile – es geht vielmehr darum, dass die Menschen, allen voran die jüngsten in unserer Gesellschaft, langsam wieder ein kleines Stück Normalität zurückerhalten.“

„Es geht darum, dass die Menschen langsam wieder ein kleines Stück Normalität zurückerhalten.“ Peter Kaiser 
(Landeshauptmann)
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Mit dem Coronavirus haben sich in Kärnten vor allem Menschen zwischen 45 und 54 Jahren infiziert. Auch über 64-Jährige sind vergleichsweise stärker betroffen.

Niederösterreich

Unterschiedlich verteilt sind die Covid-Infektionszahlen im Land Niederösterreich. Manche Gemeinden sind stärker betroffen als andere. Warum? „Da wir die einzelnen Infektionsketten durch konsequentes Contact Tracing (Verfolgung der Kontakte) anfangs lückenlos und jetzt auch noch immer sehr gut nachverfolgen können, zeichnet sich doch bei einigen Hot Spots ein deutliches Bild ab“, erklärt die niederösterreichische Sanitätsdirektorin Irmgard Lechner. Und: „Wenn der Indexpatient aus einer gesellschaftlich sehr aktiven Gruppe stammt, kommt es zu einer ziemlich raschen Ausbreitung der Infektion.“

Niederösterreich habe „von Anfang an den Fokus auf Contact Tracing gelegt“. Als Gesundheitsbehörde „hinkt man immer ein wenig nach im Bemühen um lückenloses Nachverfolgen aller Kontakte einer infizierten Person. Trotzdem war es für uns die wichtigste und effizienteste Maßnahme.“ Seit Mitte Februar gebe es im Land einen Sanitätsstab, „bei dem bis zu 70 Personen rund um die Uhr im Einsatz sind“.

„Seit Mitte Februar gibt es einen Sanitätsstab, bei dem bis zu 70 Personen im Einsatz sind.“ Irmgard Lechner
 (Sanitätsdirektorin)
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Jede Bezirksverwaltungsbehörde habe „ihren Einsatzstab hochgefahren“ – und man habe von Beginn an bei der Gesundheitshotline 1450 Amts- und Epidemieärzte stationiert, sagt die Sanitätsdirektorin. Die Kooperation mit den betroffenen Akteuren lobt Lechner. „Die Kommunikation zwischen Landesgesundheitsagentur, Sanitätsstab und Bezirksverwaltungsbehörden funktioniert gut. Genauso wie die Zusammenarbeit mit den Rettungsorganisationen, der Polizei, der Feuerwehr und dem Bundesheer.“

Warum es insgesamt relativ hohe Fallzahlen in dem flächenmäßig größten Bundesland gibt und vergleichsweise wenige Todesfälle durch Covid-19, werde man erst im Nachhinein evaluieren können.


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