Tiroler Tourismus in der Krise: Abwarten oder Abwrackprämie?

Die ÖVP hofft auf die Grenzöffnung, die Grünen fordern ein Umdenken im Tourismus und vermissen Antworten, NEOS fordern Geld fürs Zusperren über den Sommer und eine Abwrackprämie für marode Betriebe.

In der Sommersaison letztes Jahr kamen 6,2 Millionen Gäste nach Tirol. Die meisten davon aus Deutschland.
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Von Anita Heubacher

Innsbruck – Mario Gerbe­r, Hotelier im Kühtai und Sprecher der Branche in der Wirtschaftskammer, ist optimistisch. Diese Zuversicht versprüht er sowohl im lokalen Fernsehen als auch gegenüber der TT. Es gehe darum, abzuwarten, ob die Grenzöffnung zu Deutschland tatsächlich komme. Ebendie hatte seine Parteikollegin von der ÖVP, Tourismusministerin Elisabeth Köstinger, via Medien in Aussicht gestellt.

Mario Gerber (Hotelier, ÖVP-Abgeordneter, WK): „Es ist viel zu früh, um über das Zusperren im Sommer oder überhaupt zu reden. Ich bin Optimist.“
© Dähling

„Ich bin kein Träumer, es wird schwierig, aber den Kopf in den Sand zu stecken, hilft keinem weiter“, sagt Gerber. Die Tiroler Wirtschaftskämmerer und Tourismusexperten haben „Verhaltensregeln“ für die Branche erarbeitet. Sicherheitsvorkehrungen wie Abstand, Mundschutz, Hygiene und Desinfektion sollen demnach für den optimalen Schutz sorgen. Für den Gast, den Unternehmer und die Mitarbeiter.

„In der Gastronomie sollen die Tische zwei Meter auseinander stehen, mit maximal sechs Leuten am Tisch, nach jeder Belegung müsste die Tischdecke getauscht werden“, sagt Gerber. Hoteliers sollen die Anreise der Gäste entzerren, Saunen sollen sie aufsperren, geführte Touren keine anbieten können.

Die ÖVP konzentriert sich darauf, die Sommersaison irgendwie zum Laufen zu bringen. „Völlig unrealistisch“, fällt dem Klubobmann der NEOS im Tiroler Landtag, Dominik Oberhofer, dazu ein. Die Grenzöffnung hält er für unrealistisch, ebenso wie die Hoffnung, dass Österreicher die ausfallenden Gäste aus Deutschland kompensieren könnten. Anstatt „falsche Hoffnungen“ zu schüren, solle die ÖVP besser eine Strategie vorlegen. Oberhofer würde als Erstes den Markt bereinigen und das Angebot durchforsten. Er denkt über Abwrackprämien für Hoteliers nach.

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„Viele Betriebe haben einen kleinen Buchwert und eine hohe Verschuldung.“ Das liege nicht nur an den Investitionen, sondern das rühre auch vom negativen Geschäft der letzten Jahre her. „Die können nicht einmal verkaufen, weil sie den Verkaufspreis versteuern müssten und sie das nicht bezahlen könnten.“ Das Land möge über die gemeinnützigen Bauträger einspringen, den maroden Hoteliers eine Abwrackprämie bezahlen, damit diese nicht in den Privatkonkurs schlittern, und statt der 50- bis 100-Betten-Burgen möge das Land Wohnungen bauen lassen.

Florian Phleps (Geschäftsführer Tirol Werbung): „Ob es Geld fürs Zusperren braucht, sind politische Entscheidungen. Wir liefern Einschätzungen.“
© Foto TT / Rudy De Moor

Die Sommersaison hält Oberhofer für mehr oder weniger gelaufen. „Wer will schon mit Schutzmaske beim Frühstücksbuffet stehen?“ Die Gäste, die kommen, würden für eine zu geringe Auslastung sorgen. „Das rechnet sich für viele, vor allem größere Betriebe, nicht.“ Betriebe, die über den Sommer zusperren und ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken, sollen vom Bund finanziell unterstützt werden. „Mit sechs Prozent des Vorjahresumsatzes müsste ein Betrieb, der zu ist, über die Runden kommen“, rechnet Oberhofer. „Dann ist er im Herbst nicht pleite.“

Dominik Oberhofer (Hotelier, NEOS-Abgeordneter): „Viele Betriebe haben einen kleinen Buchwert und eine hohe Verschuldung. Die können nicht verkaufen.“
© Thomas Boehm / TT

Hoteliers finden sich auch in den Reihen der Grünen. Landtagsabgeordneter Georg Kaltschmid kann den Optimismus seines schwarzen Koalitionspartners nicht teilen. „Ich habe mich sehr geärgert über diese Ansage mit der Grenzöffnung, wo wir noch überhaupt keine Antworten für den kurzfristigen Verlauf haben.“ Der grüne Hotelier hat eine Reihe von Fragen von Hygienemaßnahmen bis hin zum etwaigen Coronafall im Betrieb. Die Tiroler „Verhaltensregeln“ sollen zwar Klarheit bringen, unklar ist aber, ob sie die Bundesregierung auch umsetzt.

Die Grünen fordern, Tourismus überhaupt neu zu denken. „An den Tisch gehören nicht nur Touristiker, sondern Expertinnen und Experten aus vielen Disziplinen.“

Georg Kaltschmid (Hotelier, Grünen-Abgeordneter): „Nach all den Jahren voll Jubel über Gästerekorde müsste die Branche viel stabiler dastehen.“
© Christoph Blassnig

Die Abwrackprämie der NEOS wischt Kaltschmid nicht sofort vom Tisch. „Das gegenseitige Wettrüsten hat viele Betriebe kaputt gemacht.“ Viele würden nicht einmal über eine Eigenkapitalquote von acht Prozent verfügen. „Nach all den Jahren voll Jubel über Gästerekorde müsste die Branche viel stabiler dastehen.“ Das tue sie aber nicht. „Viele brauchen den täglichen Umsatz, damit sie die Rechnungen und die Mitarbeiter bezahlen können.“ Viele hätten umgebaut, würden aber dann das Zimmer zu billig vergeben.

Beim Preis sind sich die Koalitionspartner ÖVP und Grüne einig. Der stimme oft nicht, sagt auch Mario Gerber. Er fürchtet, dass in der Krise Dumpingpreise das Geschäft ruinieren könnten. „Preisstabilität ist jetzt besonders wichtig, nicht 50-Prozent-Gutscheine zu vergeben.“ Die Branche stehe gut da. „Wir sind tipptopp bei Qualität und Dienstleistungen, weil wir so viel investiert haben.“ Die Richtlinien zur Finanzierung seien streng, Fremdkapital sei nicht so leicht zu bekommen. „Für einen Umbau musst du heutzutage bei der Bank einen Bluttest vorlegen“, scherzt Gerber. Was für ihn gar nicht geht, ist über Abwrackprämien und Geld fürs Zusperren über den Sommer zu sprechen. „Das ist viel zu früh.“ Wenn die Grenzöffnung nicht komme, könne man im Juni immer noch darüber nachdenken.

Grübeln und nachdenken ist derzeit auch bei der Tirol Werbung angesagt. An ständig steigende Wachstumszahlen in den letzten Jahren gewöhnt, versucht man nun „zu planen, was nicht planbar ist“, meint Marketing- und Kommunikationsleiter Patricio Hetfleisch. 2,5 Millionen Euro setzt die Tirol Werbung heuer für Imagekampagnen im Sommer ein. „Wir können sehr flexibel und rasch agieren.“ Schwerpunkt sei vorerst Österreich. „Wir müssen abwarten, ob die Grenzen aufgehen und wie das Hochfahren der Branche ab Mitte Mai tatsächlich erfolgt“, sagt Direktor Florian Phleps. Jede zweite Nächtigung in Tirol stamme von einem deutschen Gast, der österreichische könne das niemals auffangen. Zehn Prozent steuern heimische Gäste zur Bilanz bei.

Über Abwrackprämien oder Geld fürs Zulassen über den Sommer mag Phleps nicht reden. „Das sind politische Entscheidungen. Wir liefern Einschätzungen.“


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