Ramadan in Corona-Zeiten: IGGÖ-Präsident Ümit Vural im Interview

Für die rund 700.000 Muslime in Österreich beginnt am Freitag die Fastenzeit. Gemeinschaftsgebete, wie sonst üblich, werden wohl länger nicht erlaubt sein, sagt Ümit Vural, Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft.

Normalerweise sind Moscheen bereits mit Teppichen ausgestattet. In der gegenwärtigen Coronavirus-Pandemie müssen Gläubige zusätzlich einen eigenen Teppich mitnehmen.
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Wien – Christen konnten heuer Ostern nicht wie gewohnt feiern. Juden mussten ihr Pessach-Fest im Stillen begehen. Nun sollen Gottesdienste wieder schrittweise möglich sein. Kultusministerin Susanne Raab­ (ÖVP) und Kardinal Christoph Schönborn werden heute einen Maßnahmenkatalog vorstellen. Auch Muslime sind betroffen. Am Freitag beginnt der Fastenmonat Ramadan. Die TT hat mit Ümit Vural, dem Präsidenten der Islamischen Glaubensgemein­schaft, darüber gesprochen.

Ab 15. Mai sollen Gottesdienste wieder möglich sein. Der Fastenmonat Ramadan endet am 23. Mai, wo normalerweise täglich gemeinsam in Moscheen gebetet wird. Wann werden die Moscheen wieder geöffnet?

Ümit Vural: Wir wollen unsere Moscheen stufenweise öffnen. Wir bereiten gerade intern vor, wie wir den ersten Schritt ab Mitte Mai gestalten könnten. Die Gemeinschaftsgebete – also Teravi (das tägliche gemeinsame Abendgebet im Ramadan) und Freitagsgebete – werden wir mit großer Wahrscheinlichkeit auch weiterhin aussetzen. Wir müssen nämlich noch klären, wie Moscheengemeinden die Corona-Maßnahmen - Abstand halten, Masken tragen und Desinfektion - einhalten können. Den Fastenmonat Ramadan verbinden wir mit gemeinschaftlichen Gebeten in Moscheen und gemeinsamen Fastenbrechen.

Ümit Vural (IGGÖ-Präsident): „Wir haben uns dazu entschlossen, unser Zuhause in dieser schwierigen Zeit zur Moschee zu machen.“
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Das gemeinsame Teravi-Gebet in Moscheen wird im Ramadan also nicht möglich sein?

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Vural: Wir müssen uns die Begleitmaßnahmen anschauen. Wenn ich verkünde, dass die Moscheen geöffnet sind, dann werden wohl viele Muslime in die Moscheen kommen, weil sie es ja seit vielen Wochen nicht durften. Dann haben wir unüberschaubare Zustände und wir können die Sicherheit und Gesundheit unserer Gläubigen und Mitmenschen nicht gewährleisten. Der Status quo ist, dass bis Mitte Mai die Gemeinschaftsgebete ausgesetzt sind. Jedenfalls werden wir bei einer Öffnung darauf achten, dass unsere Gläubigen eigene Teppiche und Masken mitnehmen. Man muss auch vorab die Gebetsplätze markieren und es nicht den Menschen überlassen, wo sie sich hinstellen, weil nur eine Person pro 20 m² erlaubt ist. Die Gläubigen müssen zudem zwei Meter Abstand zueinander halten. Es werden Ordner vor den Moscheen nötig sein, die kontrollieren, wie viele Personen in die Moscheen reingehen. Und die gesamte Moscheenlandschaft arbeitet auf ehrenamtlicher Basis, diese müssten wir jetzt erst wieder mobilisieren.

Die Moscheengemeinden leben von Spenden, diese fallen nun weg. Wie stehen die Moscheen finanziell da?

Vural: Es ist unterschiedlich. Es gibt Moscheengemeinden, die auf solche Umstände vorbereitet sind, die auf Ressourcen zurückgreifen können, die auch mit ihren Mitgliedern im Austausch sind, um diese Zeit zu überbrücken. Und andere haben diese Infrastruktur und Ressourcen nicht. Daher haben wir eine Spendenkampagne gestartet und einen Fonds eingerichtet, um Moscheen, die es gerade sehr schwer haben, unter die Arme zu greifen. Muslime spenden bei Gemeinschaftsgebeten wie dem Freitagsgebet. Gerade im Fastenmonat Ramadan sind die Muslime spendenfreudiger. Das fällt jetzt weg. Wir werden die Spendenkampagne bis zum Ende des Ramadan verlängern, damit wir jenen Menschen, die nicht in die Moschee gehen können, aber spenden wollen, die Möglichkeit dafür bieten. Nach dem Fastenmonat werden wir die Moscheengemeinden ersuchen, uns ihre finanzielle Situation mitzuteilen. Dann werden wir ihnen im uns möglichen Ausmaß helfen.

Können Sie sagen, wie viele der bundesweit insgesamt 350 Moscheen vor der Pleite stehen?

Vural: Ich würde nicht „Pleite“ sagen, es sind einfach schwierige Zeiten. Wie müssen schauen, dass wir diese Zeit gemeinsam überwinden. Die Moscheenlandschaft in Österreich hat sich selbstständig entwickelt und ist sehr unterschiedlich. Menschen kamen aus der Türkei, aus Albanien oder Bosnien. Einige haben sich zusammengeschlossen, haben sich eine Räumlichkeit gemietet und eine Moschee daraus gemacht. Die Infrastruktur ist also unterschiedlich. Wir haben keine Standards. Wenn die Islamische Glaubensgemeinschaft schon in den 1960er/1970er-Jahren so gewesen wäre wie jetzt, dann könnte man das nun besser steuern.

Wie ist denn die finanzielle Situation der IGGÖ? Die Glaubensgemeinschaft lebt ja von den Mitgliedsbeiträgen der Moscheengemeinden.

Vural: Die Glaubensgemeinschaft steht finanziell so da, dass sie ihrer Verantwortung nachkommen kann. Die Frage ist aber, wie wir die Glaubensgemeinschaft allgemein besser aufstellen können. Da führen wir seit geraumer Zeit eine Diskussion über eine Art Moschee-Beitrag. Ich hoffe, dass wir eine vernünftige Lösung erreichen können.

Bekommen Sie finanzielle Unterstützung vom Bund?

Vural: Es gibt keine finanzielle Zuwendung seitens des Staates. Viele Muslime denken, dass wir vom Staat finanziert werden. Und es gibt viele Nicht-Muslime, die denken, dass wir vom Ausland finanziert werden. Wir leben ausschließlich von den Einnahmen unserer Mitglieder, der muslimischen Gemeinschaft in Österreich.

Was bedeuten die geltenden Einschränkungen in einem so besonderen Monat für Muslime, wo gemeinsames Essen und Beten besonders wichtig sind?

Vural: Die Antwort ist schmerzlich. Wir müssen auf vieles verzichten. Ramadan ist der Monat des Verzichts, der Geduld, der Demut und der Hingabe. Wir haben uns dazu entschlossen, unser Zuhause in dieser schwierige Zeit zu Moscheen zu machen und diese durch Gebete zu erhellen. Wir wollen als Gemeinschaft in unseren Bittgebeten vereint bleiben. Jedenfalls hat für uns auch weiterhin die Gesundheit unserer Mitmenschen höchste Priorität.

Das Gespräch führte Serdar Sahin


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