300.000 Tote und zehn Mio. Infektionen befürchtet: Pandemie bedroht Hilfsprojekte

Geldsorgen, wankende Projekte, Sicherheitsvorkehrungen: Was die Corona-Krise für Afrika und für die dort tätigen Hilfsorganisationen bedeutet.

Eine Frau in Lomé in Westafrika deckt sich auf dem Markt mit Seife ein. Hilfsorganisationen betonen, dass das Coronavirus auch in Afrika besiegt werden muss.
© AFP

Von Franko Petri

Wien – In Europa werden wir den Gürtel in nächster Zeit wohl etwas enger schnallen müssen. Aber die Stärke und Resilienz unserer Staaten und der EU werden das Schlimmste verhindern helfen. Anders ist die Lage in den Entwicklungsländern, vor allem südlich der Sahara. Dort droht die rapide Ausbreitung des Coronavirus. 300.000 Tote und zehn Millionen Infektionen befürchten die Vereinten Nationen.

„Ein Drittel aller Menschen könnte die Arbeit verlieren“, so Elsie Kanza vom Weltwirtschaftsforum. Hunger, politisches Chaos, Gewaltausbrüche, Armut und massive Flüchtlingsbewegungen wären die Folge. Die Corona-Krise könnte die Errungenschaften jahrzehntelanger Entwicklungszusammenarbeit in wenigen Monaten um viele Jahre zurückwerfen, befürchten Experten.

Der äthiopische Premierminister und Friedensnobelpreisträger Abiy Ahmed prophezeite bereits, dass „das Virus zurückkommt, wenn es nicht in Afrika besiegt wird“. So weit die Ausgangslage.

Für Organisationen, die in der Entwicklungszusammenarbeit in den armen Ländern der Welt tätig sind, bedeutet die Corona-Krise eine gewaltige Herausforderung. Sie sollen ihre geplanten Projekte und Programme fortsetzen, um Armut zu verringern, Bildung zu fördern und die Folgen des Klimawandels zu mindern. Doch jetzt blockiert das neue Virus diese Anstrengungen.

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Denn die EZA-Organisationen kämpfen mit einem dreifachen Problem: Die Einnahmen auf Spenderseite für die Projekte werden je nach Spendenart zurückgehen, befürchtet Fundraising-Direktor Christoph Jünger von Licht für die Welt.

Zweitens bleiben die Kosten für bestehende Projekte erhalten, obwohl die früher gesteckten Ziele derzeit kaum erreicht werden können. Die NGO-Mitarbeiter sind deshalb in den letzten Wochen intensiv mit Abänderungsanträgen an die Geberinstitutionen für bereits bewilligte Projekte beschäftigt.

Drittens entstehen zusätzliche Kosten durch die staatlichen Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus – etwa Schutzkleidung und mehr Aufwand für Logistik.

Deshalb werden die Rufe an Staatengemeinschaft, Stiftungen und Großunternehmen für solidarische Beiträge täglich lauter. „Angesichts der wirtschaftlichen Notlage, der steigenden Arbeitslosenzahlen in den Geberländern und der zu erwartenden globalen Rezession drohen Mittelkürzungen“, so Jünger.

Eine offene Frage ist auch, wie sich treue Klein­spenderInnen verhalten, wenn die Krise weiter fortschreitet. Derzeit erleben wir noch gelebte Solidarität. Aber das muss nicht so bleiben, wenn sich die Lage verschlechtert.

Für Licht für die Welt bedeutet die Corona-Krise, dass in mehr als 250 Projekten in 20 Projektländern jetzt anders gedacht und gehandelt werden muss. Tausende Augenoperationen müssen verschoben werden. Kinder mit Behinderungen bleiben zu Hause, weil die Schulen geschlossen sind. Und Reha-Helfer dürfen nicht zu ihren Schützlingen in den entlegenen Regionen, wo die Ärmsten zu Hause sind.

Die Fachorganisation für Menschen mit Behinderungen hat Krisenerfahrung – etwa durch den verheerenden Tropensturm Idai 2019 in Mosambik. Dieser verwüstete weite Landstriche in den Projektgebieten. Wie damals muss Licht für die Welt auch jetzt die Arbeit kurzfristig anpassen. Vordringlich ist die Ernährungssicherheit für Menschen mit Behinderungen und ihre Familien.

„Die Menschen im Búzi Distrikt brauchen dringend Nahrungsmittel. Etliche hungern bereits. Unsere Kolleginnen und Kollegen vor Ort bereiten die Verteilung von Nahrungsmitteln vor, um die nächsten zwei Monate bewältigen zu können“, beschreibt Landesdirektor Zacarias Zicai die Situation in Mosambik.

Besonders wichtig ist aktuelle und barrierefreie Information, wie Ansteckung effektiv verhindert werden kann. Es geht um Hygienemaßnahmen und Schutzkleidung in den Spitälern. Die Gesundheitssysteme müssen gesichert und ausgebaut werden. Dazu braucht es auch den Schutz der Projektpartner vor Ort. Und es braucht mehr Geld.

Viele Hilfsorganisationen und NGOs, die international tätig sind, haben eine schwere Zeit vor sich. „Die Pandemie wird sich in diesen Ländern wie ein Lauffeuer ausbreiten. Das würde die Gefahr erhöhen, dass das Virus erneut nach Österreich gelangt. Daher kann diese globale Krise nur global gelöst werden“, appelliert die Geschäftsführerin der ARGE Globale Verantwortung, Annelies Vilim, an die Bundesregierung.

Der Autor, ein gebürtiger Innsbrucker, ist Pressesprecher der Organisation Licht für die Welt.


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