Marianne Mendt: Von der Buchhalterin zur Traumrolle

Die „Mutter des Austropop“ wird 75. Vom vorgegebenen Lebensplan ihrer Eltern und dem Streben, die Beste zu sein.

Sängerin und Schauspielerin Marianne Mendt freut sich auf ihren 75. Geburtstag, der mit einem großen Fest in der Wiener Stadthalle gefeiert wird.
© APA/GEORG HOCHMUTH

Wien – 2020 ist für Marianne Mendt ein Jahr, in dem es viel zu feiern gibt. Natürlich vor allem den 75. Geburtstag am 29. September. Außerdem sind es im Juni 50 Jahre, dass sie mit ihrer berühmten „Glock’n“ zur „Mutter des Austropop“ wurde. Und vor genau 20 Jahren ging die letzte Folge der populären Serie „Kaisermühlen Blues“, in der sie die Paraderolle der Gitti Schimek verkörperte, über die Bildschirme.

Hat sich Ihr musikalisches Talent schon früh abgezeichnet?

Marianne Mendt: Meinen Eltern waren meine diesbezüglichen Fähigkeiten ganz bestimmt aufgefallen. Ich durfte sechs Jahre lang Klavierunterricht nehmen, erhielt als so genannte „Begabte“ Einzelunterricht in klassischem Gesang und sang im Kinderchor der Stadt Wien. Mit 14 gewann ich einen Bewerb und trat dann bei den berühmten „3 Spitzbuben“ in Wien/Nussdorf auf. Aber ...

Aber?

Mendt: Meine deutsche Mutter Helene aus Toulouse, die auch auf niederländische und spanische Vorfahren verweisen konnte, und mein Vater Rudolf aus Wien/Perchtoldsdorf hatten sich für mich einen anderen Lebensplan ausgedacht. Zuallererst sollte ich „etwas Ordentliches“ lernen. So besuchte ich die Handelsschule und arbeitete zwei Jahre lang in der Buchhaltung des Waschmittelkonzerns Henkel. Zwar kam bereits in der Zeit bei den „3 Spitzbuben“ ein Plattenangebot aus Hamburg, doch meine Mutter erlaubte mir nicht zu unterschreiben. Erst mit 18, so hatte sie beschlossen, sollte ich frei entscheiden dürfen.

TT-ePaper gratis testen und 5 x 1.000 € Geburtstagsgeld gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Jetzt testen
TT ePaperTT ePaper

War es schwer, bei den Waschmitteln durchzuhalten?

Mendt: Natürlich, denn mir, die ich auch über das absolute Gehör verfüge, war immer klar, dass ich nur Sängerin oder Musikerin werden konnte. Das bedeutete einen dauernden Blick auf die Uhr und die damit verbundene Frage: Wann, wann darf ich die Buchhaltung hinschmeißen und endlich kündigen? Als es so weit war, habe ich keine Minute versäumt und die Gelegenheit wahrgenommen, mit dem bekannten Musiker Bill Grah zu Auftritten nach Stockholm aufzubrechen. Mittlerweile war ich in Österreich auch „staatlich geprüfte Vortragskünstlerin“ mit gewerkschaftlicher Prüfung geworden. Eine Prüfung, die ich nur mit Ach und Krach bestand ...

Wie hat sich das Verhältnis zu Ihrer Mutter auf Dauer gestaltet?

Mendt: Es wurde zusehends besser. Meine Schwester starb 1947 mit zwölf Jahren an Krebs. Meine Mutter und ich gingen fast täglich auf den Friedhof. Ich bin sozusagen auf dem Friedhof aufgewachsen. Und ich verstand, dass sich meine übervorsichtige Mutter, die ein Kind auf so tragische Weise verloren hatte, für mich nur das Beste wünschte.

So oder so: Nach dem Gastspiel in Schweden ging es für Sie auf Musikebene richtig los?

Mendt: Ja, mit Gastspielen in vielen europäischen Städten. Als ich zurückkam, holte mich Gerhard Bronner in seine „Fledermaus“-Bar, wo er eine wienerische Version von „Hair“ produzierte. Es wurde ein Riesenerfolg bei Publikum und Presse. „Wienerisch mit moderner Musik“, überlegte Bronner damals, „auf diesem Sektor könnten wir mit der Mendt ja auch noch was anderes machen!“ Mit Elementen der Signation von Bronners damaliger Fernsehsendung „Die große Glocke“ komponierte Hans Salomon den Song „Wia a Glock’n“, den wir im Mai 1970 aufnahmen und der dann am 30. Juni erstmals im Fernsehen zu hören war. Ein Mega-Erfolg, mit dem ich zur „Mutter des Austropop“ wurde. Ein Jahr später kam dann der Wolferl Ambros mit dem „Hofer“.

Da bot es sich wohl von selbst an, dass Sie der ORF als österreichische Vertreterin zum Eurovision-Festival nach Dublin schickte, wo sie mit dem von Richard Schönherz und Manuel Rigoni geschriebenen Song „Musik“ zum engeren Favoritenkreis gehörten?

Mendt: Und dann wurde ich unter 18 Teilnehmern nur Sechzehnte.

Eine der großen Enttäuschungen Ihres Lebens?

Mendt: Dass ich in der Auftrittsfolge als Nummer eins gelost wurde, mochte als kleine Entschuldigung gelten. Aber ich war dennoch glücklich, dass ich dabei sein durfte. Ich empfand den Auftritt in Dublin auch nicht als große Niederlage. In diesem Beruf muss man auch mit so was rechnen. Traurig war nur, dass es auf einmal kaum Angebote aus Österreich gab. Dafür ging es in Deutschland und in der Schweiz richtig los, vor allem mit der Traumrolle im Musical „Funny Girl“. Nachdem ich den Film im Kino gesehen hatte, war mein brennender Wunsch: Mein Gott, so was möchte ich einmal spielen dürfen! Und dieser Traum hat sich erfüllt.Ich wurde plötzlich auch als Schauspielerin wahrgenommen.

1979 – für Sie ein wichtiges Jahr?

Mendt: Ja, weil ich da meine Tochter Anna bekam und mir schwor: Wenn sie in die Schule kommt, fahr’ ich nimmer weg! Bis zur Matura! Dieses Versprechen habe ich gehalten. Und es passierte ein weiterer Glücksfall, nämlich eine tolle Serienrolle „zu Hause“ in Wien. Ich wurde die Gitti Schimek im „Kaisermühlen Blues“. Die Serie wurde bekanntlich ein Riesenerfolg.

Haben Sie schon überlegt, wie Sie all diese Anlässe feiern möchten?

Mendt: Wegen des von mir seit 2005 geleiteten Jazzfestivals in St. Pölten, war ein Fest geplant. Doch ich denke, dass es wegen der Corona-Krise nicht stattfinden wird. Dennoch wird es wegen meines Geburtstages am 26. September in der Wiener Stadthalle eine große Show mit Bigband und Freunden wie Erwin Steinhauer, Wolfgang Böck, Viktor Gernot und meiner Entdeckung Ina Regen geben.

Ein Buch ist nicht in Planung?

Mendt: Darüber reden wir schon seit meinem 50. Geburtstag. Damals haben sieben Verlage angefragt. Das zieht sich bis jetzt, und ich frage mich nach wie vor, wen ein solches Buch überhaupt interessiert. Geschichten von gestern und vorgestern, das ist wie Schnee vom vergangenen Jahr. Viel, viel mehr Bedeutung hat für mich, dass ich weiterhin auf der Bühne stehen darf und – hoffentlich – gut bin. Alt und schiach werden, sage ich mir immer, das kommt von selbst. Aber auf der Bühne gut sein, besser werden – ja, das strebe ich natürlich an.

Das Interview führte Ludwig Heinrich


Kommentieren


Schlagworte