Verschnaufpause am Fernpass: Coronavirus bremst Verkehr aus

78 Prozent weniger Verkehr: Geplagte Anrainer können kurz aufatmen, sich frei bewegen. Ein Corona-Samstag an der Fernpassroute.

Kein einziges Auto: An einem „normalen“ Samstag wäre dieses Bild eine Fata Morgana.
© Thomas Böhm

Von Thomas Böhm

Fernpass – „Ja – wir genießen es, wieder einmal auf dem Balkon sitzen oder im Garten werkeln zu können“, blickt Elisabeth Haselwanter in Tarrenz auf das kleine Stück Grün vor ihrem Haus. Blumen stehen zum Setzen bereit, die Enkel Albert und Julia sind zu Besuch. Gleich unter der Gartenmauer, wo sich sonst Wochenende für Wochenende die Transitkolonne stinkend, laut und lückenlos mitten durchs Gurgltaldorf quält, ist es ruhig. Die Straße zu überqueren, ist sonst eine Herausforderung. Nicht so an diesem weiteren Samstag in Corona-Zeiten an der Fernpassroute.

„Mir ist klar, was das wirtschaftlich heißt“, betont Haselwanter. Dieses bittere Szenario zeigt sich am Fernpass: „Betriebsruhe“ steht auf einem Zettel am Eingang der Raststation Fernsteinsee ebenso wie am Schlosshotel gegenüber. Die großen Parkplätze beiderseits der B179 sind mit rot-weißen Bändern abgesperrt. Still ruht der idyllische See – mehr denn je unbeachtet von sonst gestresst durchrollenden Massen.

Gartenidylle bei den Haselwanters in Tarrenz.
© Thomas Böhm

Die Fakten: Um 78 % ist an Samstagen der Verkehr am Fernpass gegenüber 2019 zurückgegangen (damals ca. 21.500 Fahrzeuge pro Tag!), zählte die Abt. Verkehrsplanung des Landes Tirol heuer im März/April in Fernstein – an Arbeitstagen um 65 %. Der Schwerverkehr hat sich um 30 Prozent reduziert. Fast verschwunden ist die Verkehrslawine in der Osterwoche: minus 92 % bei Pkw gegenüber 2019!

„An einem normalen Samstag könnten wir uns hier unmöglich unterhalten.“ Michaela Riser serviert Kaffee auf ihrer Terrasse direkt über der B189 durch Obsteig. Wie zum Beweis rauschen gerade zwei einsame Lkw-Züge vorbei und unterbrechen kurz das Gespräch. Sonst ist das ununterbrochen so, Auto an Auto, ab 5 Uhr früh weckt der Lkw-Transit. „Jetzt hört man sogar die Vögel zwitschern!“ Auch die Risers genießen die Ruhe auf der Sonnenseite ihres Hofes und atmen auf, dass ein großer Gefahrenherd, z. B. für Kinder am Schulweg, wenigstens vorübergehend deutlich sicherer ist. Sehr markant wurde die Stickstoffoxid-Belastung am Fernpass reduziert: auf fast ein Drittel (die Hälfte ist es in Resttirol).

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Sicherer Schulweg bei Ander und Michaela Riser in Obsteig
© Thomas Böhm

„Die Luft ist viel besser“, stellt auch Albert Linser in Bichlbach fest, „und man kann sich wieder frei bewegen – ob Berufspendler oder lebensrettende Einsatzkräfte!“ Im Bezirk Reutte sind – anders als in Tarrenz oder Obsteig – praktisch alle Orte umfahren oder mit Lärmschutzwänden von der B179 abgeschirmt. „Den Transit in einer Umfahrung zu verstecken, bringt über den Dorfzaun hinausgeblickt nichts“, sagt der Altbürgermeister (72), der jetzt auch Sprecher der Gruppe „Xundes Leben an der B179“ ist und damit Gegner eines weiteren Ausbaus der Fernpassstrecke – Stichwort Scheiteltunnel.

„Ich hoffe, dass die Politik aufwacht und mit diesem Geld lieber den armen Menschen hilft, die durch die Corona-Krise in Existenznot geschlittert sind.“ Zur Linderung der Transitplage fiele Linser ein: „Ein intelligentes, grenzüberschreitendes Dosierungssystem, das rasch reagiert, sobald Staus die Region lahm zu legen drohen.“

Gespenstische Betriebsruhe am Fernsteinsee
© Thomas Böhm

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