Zucker geht oft an die Nieren: Med-Uni forscht zu Diabetikerleiden

30 Prozent der Diabetiker werden nierenkrank und dialysepflichtig. Ein millionenschweres EU-Projekt an der Innsbrucker Med-Uni soll dazu beitragen, dies zu verhindern.

Im Verlauf der Erkrankung brauchen viele Patienten eine regelmäßige Blutwäsche. Das Projekt unter der Leitung von Klinikchef Gert Mayer soll dabei helfen, dies frühzeitig zu verhindern.
© MUI/Privat

Von Theresa Mair

Innsbruck – Dialyse und Nierentransplantation sind zu oft das Schicksal von Diabetikern. Drei von zehn Betroffenen werden über die Jahre schleichend nierenkrank. Bei vielen schlagen die Medikamente, die Blutzucker und Blutdruck regulieren, im Laufe der Zeit nicht mehr an – trotz laufender Kontrollen scheint der Nierenschaden oft unausweichlich. „Diabetische Nierenerkrankungen sind die Hauptursache für Nierenversagen in Industrieländern“, sagt Gert Mayer, Direktor der Uniklinik für Innere Medizin IV in Innsbruck.

Diabetes lässt den Blutdruck steigen, der wiederum von der Niere gesteuert wird. Als zweite Folge beginnt man Eiweiß im Harn zu verlieren, was ein Zeichen für ein Nierenproblem ist. Nach und nach lässt ihre Entgiftungsleistung nach. „Eine Reihe von Begleiterscheinungen, die mit der schwächeren Entgiftungsleistung zu tun haben, sorgen dafür, dass das Herz-Kreislauf-System schlechter wird“, erläutert Mayer.

Die „große Krux“ von Nierenerkrankungen sei, dass sie lange vor sich hin köcheln, bevor der Betroffene etwas davon merkt. „Wenn er es merkt, dann kann man meistens nichts mehr bremsen.“ Die medizinischen Leitlinien sehen bei Diabetikern deshalb regelmäßige Nierenfunktionstests und Harnuntersuchungen vor, um früh genug eingreifen zu können.

Demnach zeigen sich die ersten Zeichen einer Nierenerkrankung etwa zehn bis 15 Jahre nach der Zuckerdiagnose. Danach dauere es meist noch einmal so lange bis zur Dialysepflicht – wenn die Patienten nicht bereits zuvor an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung versterben. „Je kränker die Niere, desto kränker ist das Kreislaufsystem. Das Risiko geht überproportional in die Höhe“, zeichnet der Klinikchef ein düsteres Bild.

Seine Klinik hat jetzt allerdings unter 50 Bewerbern das mit sechs Millionen Euro geförderte EU-Projekt „DC-Ren“ an Land gezogen, das dazu beiträgt, die Aussichten für Betroffene zu verbessern.

In den kommenden fünf Jahren wird unter der Federführung Mayers an der Uniklinik mit sieben weiteren Partnern aus sechs Ländern eine einsatzfähige Computer­lösung entstehen. Sie soll zu jeder Zeit das Medikament vorschlagen, von dem der Patient gerade am meisten profitiert, und zusätzlich Prognosen über den Krankheitsverlauf ermöglichen.

„Man kann inzwischen sehr viel tun. Man schaut, dass man den Zucker und den Blutdruck gut einstellt, weil das die treibenden Ursachen sind. Es gibt auch Medikamente, die über Blutdruck- und Zuckersenkung hinaus die Niere besonders schützen“, sagt der Nephrologe.

Sehr viele Patienten würden darauf gut ansprechen, sodass die Krankheit langsamer fortschreitet – „aber bei Weitem nicht jeder. Es gibt eine individuelle Schwankung des Therapieverlaufs.“

Denn neben Zucker und Blutdruck treiben noch viele weitere Prozesse die Erkrankung an – und diese gestalten sich bei jedem Patienten und in jeder Krankheitsphase anders. Während man momentan aber noch darauf angewiesen ist, leitliniengetreu nach dem Gießkannenprinzip vorzugehen, soll die Software eine auf den Patienten zugeschnittene Therapie bereithalten. Sie schaut mit der Lupe von der Patientengruppe auf den Einzelnen.

Dafür sind viele Daten notwendig. „Wir greifen auf große Studien zu, die schon durchgeführt wurden. Jetzt braucht es noch eine genaue Form der Analyse der Daten. Da kommt die AI (Künstliche Intelligenz, Anm.) und dynamische Systemtheorie ins Spiel.“ Mit Mathematik werden also die über die Zeit erhobenen Charakteristika aus Laborbefunden, Blutdruckwerten und Spezialuntersuchungen zusammengefügt. Gewisse Konstellationen ergeben dann ein Modell, welches erlaubt, das Ansprechen auf die Therapie anzusehen.

Das Computerprogramm soll dann Hausärzten, internisten, Diabetologen und Nierenfachärzten als Entscheidungshilfe zur Verfügung stehen, „allen, die in einem frühen Stadium behandeln“.


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