Design-Legende Saul Bass: Optische Ouvertüren

Der amerikanische Designer Saul Bass machte den Filmvorspann zur Kunstform. Heute jährt sich seine Geburt zum 100. Mal.

Saul Bass.
© www.imago-images.de

Von Joachim Leitner

Innsbruck – Als der Grafikdesigner Saul Bass Mitte der 1950er-Jahre erste Engagements für Filmvorspänne annahm, war es in amerikanischen Kinos Usus, den Vorhang erst hochzuziehen, wenn die Texttafeln mit den Namen der für die Produktion Verantwortlichen durch waren – und das Abenteuer begann. Die Titeltafeln waren für die Filmgesellschaften kaum mehr als rechtliche Pflicht vor der cinematografischen Kür.

© www.imago-images.de

Der Regisseur Otto Preminger verbat sich diese Unsitte. Für seinen Film „Carmen Jones“ (1954) hatte er Bass nach Hollywood geholt – und wollte, dass dessen Vorspann gesehen wurde. Wer nur eine von Bass’ optischen Ouvertüren kennt, weiß warum.

Mit Saul Bass, dessen Geburt sich heute zum 100. Mal jährt, wurden die hingerotzten „credits“ zur „title sequence“: Mikroerzählungen, die Motive des Films vorwegnehmen, ohne etwas zu verraten.

Wenn Bass etwa in Premingers „Anatomie eines Mordes“ (1959) mit dem Seziermesser die Glieder eines Scherenschnittmännchens untersucht. Oder für „Spartacus“ (1960) von Stanley Kubrick mittels Licht antike Gesichtszüge aus dem Leinwanddunkel meißelt.

© www.imago-images.de

Immer wieder sind es konkrete Gegenstände, die Bass für seine Arbeiten auf ihre grafischen Elemente reduziert: Hochhausfassade in Hitchcocks „Der unsichtbare Dritte“ (1959); die Skyline von Manhattan in „West Side Story“ (1961); Oder, ebenfalls für Alfred Hitchcock, die Spiralen, die sich in „Vertigo“ (1958) aus Kim Novaks Gesichtszügen schlängeln: Da ist alles da, was den Film ausmacht, der titelgebende Schwindel, das Rätsel, das dunkle Begehren. Für „Psycho“ (1960) hat Saul Bass die Namen aller Beteiligten mit der Klinge zerhackt – und für die legendäre Duschszene detaillierte Storyboards angefertigt. Eine Zeit lang hielt sich gar das Gerücht, er habe die Attacke inszeniert.

Bass’ Stil, seine Liebe zum Spiel mit Farbe, Form und Muster machte Schule. Die ungleich opulenteren Silhouetten-Spielereien, die Maurice Binder für die James-Bond-Filme ersann, sind ohne Bass undenkbar.

© www.imago-images.de

1969 für den Kurzfilm „Why Man Creates“ mit dem Oscar ausgezeichnet. 1973 drehte er den beinahe abstrakten Ameisenhorror „Phase IV“. Aber es wurde ruhiger um Saul Bass. Das Popkornkino der 80er-Jahre war keine gute Zeit für ausgeklügelte Ouvertüren.

Es bedurfte Hollywoods Oberhistoriker Martin Scorsese, um den Altmeister zurück in die Traumfabrik zu holen. Er habe kaum gewagt, wegen „Goodfellas“ (1990) bei Bass anzufragen, schreibt er in einem 2011 erschienenen Essay. Bass sagte zu – und produzierte gemeinsam mit Elaine auch die Vorspänne für „Cape Fear“ (1991), „Zeit der Unschuld“ (1993) und schließlich „Casino“ (1995), für den er Robert de Niro zum Schlusschoral der Matthäuspassion durchs Feuer jagte. Bass’ letzter Vorspann. Auch für ihn gilt: Im Grunde ein Rückblick auf das, was noch kommt. Wenige Monate nach der Premiere starb Saul Bass.

Saul Bass entwarf auch Filmplakate. Von oben: „Vertigo“, „Anatomie eines Mordes“, „Liebe am Nachmittag“ und „Grand Prix“.
© www.imago-images.de

Die Kunst des Vorspanns geriet seither zusehends in Vergessenheit. Ausnahmen, wie David Finchers „7ieben“ (1995) bestätigen letztlich die Regel. Gerade die ganz großen Produktionen – etwa die Weltenretterachterbahnfahrten aus dem Hause Marvel – liefern den Vorspann inzwischen erst im Abspann nach. Da strahlt im Kino zumeist bereits die Saalbeleuchtung.


Kommentieren


Schlagworte