Corona-Regeln im Urlaub: „Da bleibt man lieber daheim“

In der wertvollsten Zeit des Jahres ist man nicht bereit, Kompromisse einzugehen. Damit werden im Sommer auch die Tiroler vermehrt Urlaub auf Balkonien machen.

30 Prozent der Österreicher verbringen ihren Urlaub auf Balkonien. Heuer dürften es aufgrund der Corona-Krise mindestens 50 Prozent werden.
© iStock

Normalerweise sind die Urlaubspläne für den Sommer bereits geschmiedet. In der Corona-Krise ist auch für die Tiroler heuer alles anders. Ob sich die Grenzen öffnen, ist ungewiss. Ist das den Tirolern ohnehin nicht so wichtig, weil sie gern in Österreich urlauben?

Peter Zellmann: Die Tiroler sind jene Urlauber, für die österreichweit das Inland das am wenigsten beliebte Reiseziel ist. Nur 19 % verbringen ihren Haupturlaub in Österreich im Gegensatz zu den Niederösterreichern, von denen 39 % das Inland bevorzugen. Das beliebteste Reiseziel der Tiroler ist seit Jahren unangefochten Italien.

Verspürt man denn überhaupt Lust, zu verreisen, wenn man bedenkt, dass allein in Tirol derzeit 140.000 Menschen in Kurzarbeit oder ohne Job sind.

Zellmann: Den Wunsch nach Urlaub, nach Erholung oder Erlebnis gibt es auch in Corona-Zeiten. Die Frage ist natürlich, wie umsetzbar er ist. Den einen fehlen wegen Kurzarbeit oder Jobverlust die finanziellen Mittel, die anderen haben wegen Betreuungsaufgaben Urlaub schon verbraucht. Realistisch ist, dass viele den Sommer auf Balkonien verbringen werden.

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Zur Person

Peter Zellmann leitet das Institut für Freizeit- und Tourismusforschung (IFT). Untersucht werden Verhalten und Wünsche der Menschen in Arbeit, Freizeit bzw. Urlaub (jährliche Tourismusanalyse).

Ist Balkonien heuer etwas Einmaliges?

Zellmann: Nein. Was viele nicht wissen: Schon vor der Krise haben 30 Prozent der österreichischen Bevölkerung ihren Haupt­urlaub auf Balkonien gemacht. Daheim geblieben sind besonders jene, bei denen die Infrastruktur der Freizeitwirtschaft – wie bequem erreichbare Naherholungsgebiete oder Freizeitbäder – gut ist. In Corona-Zeiten könnte es heißen, was des einen Leid, ist des anderen Freud. Wenn heuer die Hälfte der Bevölkerung – wenn nicht sogar mehr – Urlaub daheim macht, verschieben sich die Umsätze in Richtung Freizeitwirtschaft.

Liegt es nicht auch an den Maßnahmen, die keine Vorfreude aufs Wegfahren machen?

Zellmann: Stellen Sie sich vor, dass die Gäste im Hotel mit der Maske herumlaufen müssen, dass nur vier Menschen an einem Tisch sitzen dürfen und nur zwei Personen in eine Gondel gelassen werden. Da kann einfach kein Urlaubsgefühl aufkommen. Urlaub ist die verdichtetste Erlebniszeit des Jahres, und da sind die Menschen nicht bereit, Kompromisse einzugehen. Bleibt das Erlebnis unter meinen Erwartungen, spare ich lieber Geld und Zeit und bleibe daheim.

Wie schaut es bei Ihnen mit der Urlaubsplanung aus?

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Silvia Perterer, Wörgl: „Eigentlich wäre ich heuer im Sommer schon ganz gerne in das Ausland gefahren. Aber wegen der Corona-Krise bleibe ich jetzt doch lieber im Inland – und mache in Österreich einen Aktivurlaub. Geplant wäre nun, mit dem Fahrrad den Murradweg oder Drauradweg entlang zu fahren.“

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Roland Reichmayr, Landeck: „Geplant war ein Griechenland-Urlaub, mit dem Wohnmobil. Schade, das geht vorerst nicht. Vielleicht holen wir das im Herbst nach. Plan B ist demnächst ein Urlaub an der Donau in Ober- und Niederösterreich. Ich bin überzeugt, es gibt dort vieles zu entdecken, was wir noch nicht kennen.“

© Wenzel

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Was muss getan werden, um die Menschen dazu zu bewegen, einen Urlaub – zumindest in Österreich – zu buchen? Unter anderem buhlt die Tirol Werbung schon mit der neuen Kampagne „Es geht bergauf“ um den heimischen Gast.

Zellmann: Diejenigen, die Sorge um ihre Gesundheit haben, bleiben heuer sowieso zu Hause. Um den anderen Teil der Bevölkerung zum Urlauben zu ermuntern, braucht es endlich einmal genaue Informationen, was die Menschen erwartet. Sie wollen wissen, was sie dürfen. Hygienemaßnahmen einhalten und auf den Abstand achten, nehmen die Menschen hin. Aber die restlichen 90 Prozent müssen so sein, wie man es gewohnt ist. Sonst empfindet man die Zeit emotional nicht als Urlaub und dann nützen auch alle Appelle, im eigenen Land Urlaub zu machen, nichts.

Es ist nun also die Politik am Zug und muss die Restriktionen lockern?

Zellmann: Für den Tourismus geht diese zögerliche Haltung der Politik nach dem Motto „Ich will, aber ich trau mich nicht“ einfach nicht. Die Situation der meisten Betriebe ist jetzt schon dramatisch, und gehen die Restriktionen sogar bis in die Wintersaison, bedeutet das den Tod des Tourismus – von dem in Österreich indirekt jeder dritte Arbeitsplatz abhängt. Die restriktiven Maßnahmen waren zu Beginn der Pandemie wichtig und richtig, jetzt sollte es keine Verbote, sondern nur noch Empfehlungen geben. Welcher Gast hat schon Lust darauf, dass die Polizei kommt und er eine Anzeige kassiert, weil er eine Vorschrift missachtet hat.

Das Interview führte Brigitte Warenski

Völlig unklar, wann Seilbahnen fahren

Innsbruck – Wann es in Tirol wieder auf den Berg mit der Gondel geht, ist laut Freizeitticket-Geschäftsführer Thomas Schroll „noch völlig unklar“.

Laut Corona-Verordnung ist das Betreten von Gondeln bis 20. Juni verboten, in einer Pressekonferenz der Bundesregierung wurde aber angekündigt, dass Freizeitbetriebe ab 29. Mai öffnen dürfen. „Aber hier wurden die Seilbahnen nicht dezitiert genannt.“ Man warte nun „täglich“ auf Informationen, „denn wir brauchen für alle Vorkehrungen natürlich eine gewisse Vorlaufzeit“. Ob Schwimmbad (auch im Freizeitticket) oder Seilbahn, Schroll rechnet mit teilweiser Maskenpflicht, Abstandsregeln und somit hier und dort mit Wartezeiten. Dass es gesicherte Plätze bzw. Eintritte durch einen Online-Vorverkauf gibt, schließt er aus. „Das können wir bei 63.000 Kartenbesitzern nicht stemmen.“ (wa)


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